Von Karin Huffzky

Alle sieben Frauen, die hier – früher fast sprachlos, weil isoliert und verängstigt – aus ihrem Leben erzählen, haben das Sprechen über sich gelernt. Sie sind Teilnehmerinnen des Westberliner Arbeitskreises für Tiefenpsychologie, Gruppendynamik und Gruppentherapie. Die „Gruppe“, vor zehn Jahren – zur Zeit der Studentenbewegung – vom Doktor der Medizin und Philosophie Josef Rattner gegründet, umfaßt heute über 700 Frauen, Männer, Kinder. Unabhängig von Generation, Klasse, Geschlecht arbeiten sie, meistens in kleinen Gruppen, an dem sich fast immer über viele Jahre erstreckenden Prozeß ihrer seelischen Gesundung.

Gegen die Fülle von Aktivitäten so vieler Menschen (Gesprächstherapie, gemeinsames Schwimmen, literarisch-politische Theoriestunden, gegenseitige Hilfe bei der Erziehung der Kinder, allgemein übliche private Kontakte untereinander) nimmt sich die vorliegende Auswahl von nur sieben Berichten (Frauenprotokollen) karg aus. Jedoch fügen diese sieben Erzählungen aus dem Tonbandgerät sich facettenreich zu einem Mikrokosmos zusammen, der den Rückschluß auf die therapeutische Leistung der Rattner-Großgruppe zuläßt –

„Frauen lernen leben“, herausgegeben von Andrea Westphal und Jochen Ziem; SL 238, Luchterhand Verlag, Darmstadt, 1978; 141 S., 8,80 DM.

Die Autoren, selbst seit vielen Jahren praxiserfahren in der Psychotherapie – als Patienten – nehmen die sieben Frauenleben zum Anlaß, auch die Gruppe vorzustellen. Vierzehn Männer und Frauen „wurden nach ihrer Werdensgeschichte befragt, nach ihrer Erziehung zu Hause und ihrer Nacherziehung in der Gruppenpsychotherapie“. Daß im Ergebnis ausschließlich „weibliche Sozialisationen“ dokumentiert werden, begründen die Autoren haarsträubend frauenfeindlich, obgleich sie sicherlich das Gegenteil angestrebt haben: Frauen seien, wie sie schreiben „kindlicher“ als Männer, deshalb lernfähiger“, somit also ergiebiger für das Buch. Wieso soll ausgerechnet die „Kindlichkeit“ eines erwachsenen Menschen Voraussetzung für dessen auch noch gesteigerte Lernfähigkeit sein? Sollte Jochen Ziem als Schriftsteller für das Vorwort hauptverantwortlich sein, so hätte Andrea Westphal derartig kurzschlüssige und sexistische Argumentation verhindern müssen. Denn hier schwappt der uralte infantile Traum mancher Männer von der beliebig formbaren Masse Kind-Frau an der Realität von Frauenleben zwar vorbei, ist aber dennoch wieder einmal öffentlich gemacht. Aber wie schön, daß die sieben Frauen, die in der Gruppentherapie ihre weiblichen under dog-Gefühle zu überwinden gelernt haben, für sich selber sprechen.

So hat die achtunddreißigjährige Mutter zweier Kinder, im Verlauf der Therapie von ihrem verwöhnten, meist arbeitslosen Mann (Sohn einer wohlhabenden Mutter) geschieden, wieder offensiver zu leben gelernt und ihre Wertmaßstäbe als „grüne Witwe“ überwunden. In der Therapie begegnet sie neuen Lebenskriterien: „... man versuchte, mir die Schuldgefühle zu nehmen, während meine Umwelt eigentlich immer nur damit beschäftigt war, mir Schuldgefühle einzuimpfen: Ich fülle die Frauenrolle nicht aus, sei nicht Weib, nicht Mutter genug.“ Sie erlebte in der Gruppe „Ansichten, von denen ich schon immer geträumt hatte ... Man sagte nicht: Der Stolz der Hausfrau ist der Wäscheschrank, sondern: Der Stolz der Hausfrau ist ihre Selbstverwirklichung“. Christine schaffte es allmählich, angstlos die Scheidung von ihrem Mann, der längst seine eigenen Wege ging, zu fordern. Sie lebt, seit sie ihren Körper wieder akzeptiert und die Sexualität neu bejaht, seit mehreren Jahren mit einem anderen Mann zusammen, hat schließlich das Begabtenabitur nachgeholt. Sie fühlt sich heute „freier“. Zwischen Wohlwollen und Entschlossenheit weiß sie jetzt abzuwägen.