Von Heinz Michaels

Auf dem DGB-Kongreß in Hamburg erlitt der Vorstand in einer wichtigen Frage – der Arbeiter zeitverkürzung – eine Abstimmungsniederlage. In den letzten Monaten sind Gewerkschaftsmitglieder bereits mehrfach nicht den Vorschlägen ihrer Vorstände gefolgt.

Die Verwirrung auf dem Hamburger DGB-Kongreß letzte Woche währte 18 Stunden. Dann war die Gewerkschaftswelt scheinbar wieder in Ordnung: Der Passus über die Verstaatlichung von Banken und Versicherungen, dem die Delegierten versehentlich zugestimmt hatten, war aus dem Forderungskatalog wieder gestrichen.

Was auf den ersten Blick wie eine Farce anmutet, was man als Aufmüpfigkeit frustrierter Delegierter gegen den allzu gut geölten Ablauf einer Kongreßmaschinerie oder als Panne der Kongreßregie abtun könnte, ist in Wahrheit ein Symptom für die innere Verfassung der Gewerkschaften: Die Mitglieder sind nicht gewillt, eine Gewerkschaftspolitik „von oben“ widerspruchslos hinzunehmen.

Aber ist das nicht ein internes Problem der Gewerkschaften? Nun, als größte politische Organisation wirken die Gewerkschaften auf fast allen Gebieten des öffentlichen Lebens mit. Als Tarif Vertragsparteien schließen sie Verträge, die für alle Arbeitnehmer die Arbeitsbedingungen festlegen und damit auf die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes einwirken. Die innere Verfassung einer Organisation, die über das starke Kampfmittel des Streiks verfügt, kann also keine „interne Angelegenheit“ sein, denn sie wirkt in die Öffentlichkeit. Vor allem stellt sich dabei die Frage, ob die Politik der Gewerkschaften für die Regierung und die politischen Parteien kalkulierbar bleibt.

In der Sache ging es den Delegierten des DGB-Kongresses darum, mit der Annahme eines umfangreichen Antrags der DGB-Jugend entgegen dem Willen des Vorstands die Forderung nach der 35-Stunden-Woche festzuschreiben (daß sie gleichzeitig die Verstaatlichung der Wirtschaft forderten, übersahen die meisten im Eifer des Gefechts).

Arbeitszeitverkürzungen wollen die Gewerkschaftsführer auch; doch sie wollten die Hände frei haben, welche Form dafür gewählt wird – zehntes Schuljahr, Herabsetzung des Rentenalters, längerer Urlaub, Verkürzung der Wochenarbeitszeit oder eben eine Kombination verschiedener Maßnahmen. Mit dieser Politik, die nicht genau formuliert ist und alles offenläßt, konnte sich der DGB-Vorstand jedoch ebensowenig durchsetzen wie der Vorstand der IG Metall auf deren Gewerkschaftstag im letzten Herbst.