In Argentinien rollen jetzt die Bälle und – die Köpfe. „Argentinien ist zu einem Schlachthof geworden.“ Der dies schreibt, ist einer der bekanntesten Schriftsteller Lateinamerikas, Eduardo Galeano, 1940 in Montevideo (Uruguay) geboren (in der Bundesrepublik Deutschland bekannt durch seine Bücher: „Die offenen Adern Lateinamerikas – Die Geschichte eines Kontinents“; „Schlachthof der Worte“, beide im Peter Hammer Verlag, Wuppertal, 1976 und 1977 und durch den Roman „Wenn die Erde aufsteigt“, Luchterhand Verlag, Darmstadt, 1978). Und nur, weil er, verfolgt, im Exil lebt, konnte Galeano überhaupt die Welt darüber informieren, daß „viele argentinische Schriftsteller auf dem Friedhof liegen oder sich im Nebel des Schreckens und der Ungewißheit verloren haben: Paco Urondo, Haroldo Conti, Rodolfo Walsh wurden ermordet oder sind verschwunden“.

Galeano empfiehlt mit solchen Worten deutschen Lesern seinen zehn Jahre älteren Dichter-Kollegen aus Argentinien, Juan Gelman, 1930 in Buenos Aires geboren, den er für „einen der besten zeitgenössischen Dichter der spanischen Sprache“ hält. Auch Gelman kann nur noch sprechen/schreiben, weil ihm die Flucht aus seinem Land der heimtückischen Mörder gelang. Er hat siebzehn Gedichtbände und zwei Opernlibretti (für den Komponisten Juan Cedrön) verfaßt. Gelman war, zusammen mit Galeano, Redaktionssekretär der argentinischen Literaturzeitschrift „Crisis“, leitete die Kulturbeilage der Tageszeitung „La Opinión“, war Chefredakteur der Tageszeitung „Noticias“, erhielt den angesehenen Literaturpreis „Casa de las Americas“. Wegen seiner politischen Uberzeugung verhaftet, mußte er nach dem Putsch Videlas im März 1976 seine Heimat verlassen. Im August 1976 wurden in Buenos Aires sein Sohn Marcelo Ariel, seine Schwiegertochter Claudia García und seine Tochter Nora Eva entführt.

Vor der Folie dieser sich in der Autobiographie niederschlagenden Informationen sollten Gelmans Gedichte gelesen werden. In dem Augenblick, da in Argentinien „Arbeiter, Schriftsteller ermordet, gefoltert, verhaftet, entführt, in Konzentrationslager geworfen werden, zählt besonders das Wort“, schreibt Gelman: „Es gibt die Zeit zu lieben, zu sterben, die Zeit zu kämpfen und die Zeit zu schreiben. Als Urondo fiel, von den Kugeln einer Militärstreife durchsiebt, hatte er gerade einen Gedichtband fertiggestellt, dessen Titel Erzählungen vom Kampf lautet.“

Über sein Heimatland sagt der zur Zeit in Rom im Exil lebende Dichter: „In Argentinien sind mehr Menschen schuldlos in Haft als in allen anderen Ländern Lateinamerikas zusammen.“ Und die folgenden Zahlen bezieht er aus einem Bericht des amerikanischen Außenministeriums, den Cyrus Vance im November 1977, zusammen mit einer Namens-Liste von 7500 Gefangenen, der argentinischen Regierung übergeben hat. Danach wurden seit dem Putsch der Militärs in Argentinien zehntausend Menschen ermordet, achtzehntausend sind als „politische Gefangene“ inhaftiert und mehr als fünfzehntausend gelten – wie die furchtbare Vokabel lautet – als „verschwunden“. 78 Zeitungen, darunter auch Kinderzeitschriften, sind endgültig oder vorübergehend verboten worden.

Trotzdem meint Gelman, der als Pressesekretär der Widerstandsbewegung „Los Monteneros“ arbeitet, sollten die Fußball-Teams aus aller Welt nach Argentinien zur Weltmeisterschaft reisen, „um die Realität in unserem Land kennenzulernen. Die Weltmeisterschaft könnte zu einer riesigen Pressekonferenz über die tragische Lage unseres Volkes werden“. In einem seiner Gedichte fragt Gelman: „Warum gibt es so viele traurige Männer und Frauen im Land? / Warum schwemmt zu einer gewissen Stunde des Tages eine Welle von Trauer die Stadt fast fort? / Warum fliehen so viele Menschen mit ihren Augen, warum sind ihre Augen von Trauer getrübt? Warum klopft Trauer nachts an die Fenster?“ Ob Spieler und Sport-Reporter Antwort auf solche Fragen aus Argentinien mitbringen?

Juan Gelmans erster Gedichtband in deutscher Sprache erscheint unter dem Titel: „So arbeitet die Hoffnung – Lyrik des argentinischen Widerstandes“ in diesen Tagen im Oberbaumverlag, Berlin (mit einem Geleitwort von Eduardo Galeano, herausgegeben und übersetzt von Wolfgang Heuer und Miguel Salí; 100 Seiten, 8 Mark).

R.M..