Am 3. Juni finden in Bangla Desh zum erstenmal allgemeine Präsidentschaftswahlen statt. Doch die erhoffte Stabilität wird durch eine unvorhergesehene Entwicklung gefährdet: Seit Wochen strömen Zehntausende von Flüchtlingen über die burmesische Grenze ins Land.

Anfang März kamen die ersten Flüchtlinge, einige hundert am Tag. Inzwischen sind es 4000 täglich, mohammedanische Bengalen aus der burmesischen Grenzprovinz Arakan. 200 000 Menschen befanden sich Anfang der Woche in den improvisierten Auffanglagern. 150 000 weitere Bengalen werden noch kommen, fürchten die Behörden. Dann gibt es, zumindest in Arakan, keine Angehörigen dieser Minderheit mehr.

Seit dem 19. Mai regnet es ununterbrochen in Bangla Desh. Der Monsun hat begonnen. Jeden Tag steigt die Zahl der Toten schneller. Die Regierung weiß nicht wohin mit den Flüchtlingen. Noch immer hofft sie, daß Burma sie zurücknimmt.

Doch die Burmesen behaupten, diese Leute seien nicht seit Generationen in der Grenzprovinz ansässig gewesen. Es handele sich vielmehr um illegale Grenzgänger. Sie seien vor der "Operation Drachenkönig" geflohen, in der festgestellt werden soll, wer von den 28 Millionen Einwohnern des Landes Burmese und wer Ausländer sei. Dagegen berichten die Flüchtlinge, sie seien von plündernden, mordenden burmesischen Truppen vertrieben worden. Viele von ihnen kamen mit Schußverletzungen.

Bangla Desh ist mit einem Flüchtlingsproblem von diesem Ausmaß überfordert. Denn schon drängen sich auf seinen 145 000 Quadratkilometern 80 Millionen Menschen (Bundesrepublik: 250 000 Quadratkilometer, 61 Millionen Einwohner), in zwanzig Jahren werden es 160 Millionen sein. Vier Fünftel der Bevölkerung fristen ein Dasein unterhalb der Armutsgrenze, Dreiviertel aller Entwicklungsaufgaben müssen mit ausländischer Hilfe finanziert werden.

Diese Geberländer, allen voran die USA, drängen auf Stabilität und Demokratie. Tatsächlich ist es General Ziaur Rahman, seit zweieinhalb Jahren als Oberster Kriegsrechtsadministrator an der Macht, auch gelungen, Hoffnungen auf eine geordnete Entwicklung zu wecken. Zwei gute Ernten und seine vorsichtige Liberalisierungspolitik schlagen positiv zu Buche.

Für Dezember sind sogar allgemeine Parlamentswahlen angesagt. Langfristig schwebt Ziaur eine Art gelenkter Demokratie vor. Seinen Machtbasis ist die Armee, die zugleich einen Unsicherheitsfaktor darstellt, denn sie ist ebenso undiszipliniert wie politisiert. Wichtigster Gegenkandidat ist der pensionierte General Osmani, der als militärischer Führer der Befreiungsbewegung von 1971 bei Armee wie Bevölkerung gleichermaßen populär ist. Gabriele Venzky