Von Wolfgang Boller

Im Inhalatorium des Bad Reichenhaller Kurmittelhauses herrscht ein Duft von Matten und Felsenhöhen, als wehten die wilden, wür- – zigen Gerüche der Berge geradewegs zum offenen Fenster herein. Es riecht nach Latschenkiefern und Heublumen, nach Arnika, Rosmarin und Wacholder. Die Düfte kommen freilich vom Extrakt der Kräuter in Phiolen mit aufgeklebten Namen der Patienten. Der Balsam der Alpen wird zerstäubt und zur Genesung von Asthma, Bronchitis und Emphisemen eingeatmet. Bad Reichenhall, berühmt für seine salzigen Quellen, wird auch wegen der Heilkraft seiner Kräuterextrakte geschätzt.

16 Solebrunnen aus Tiefen bis zu 200 Metern und einer Salzkonzentration bis zu 25 Prozent versprechen außerdem Linderung bei Rheuma, Kreislaufschäden, Frauenleiden und Entwicklungsstörungen im Kindesalter. Die Therapie des Solebads nützt jedoch zu 80 Prozent bei Erkrankungen der oberen Luftwege.

Die Lage im Alpental an den Ufern der Saalach, die heile Umwelt in abgestuften Höhen zwischen 470 und 1614 Metern (Predigtstuhl), der behagliche, rustikale Charme der überschaubaren Gemeinde (im Kern rund 12 000 Einwohner), der integrierte Kurbereich mit sechs Kuranstalten, Kurpark (umgeben von Fußgängerzonen), Kurhaus und Kurorchester (36 Mann), andererseits aber auch Spielbank, drei Freibäder, Schwimmhalle, Rodelbahnen und Skigelände (Ganzjahressaison) haben das geschickt verwaltete, allzeit investitionsfreudige Staatsbad nach dem Krieg zum Übernachtungsmillionär unter den westdeutschen Heilorten gemacht. 1975 wurde das Rekordergebnis von 1,8 Millionen Übernachtungen erzielt. Der Rückschlag von 1976 kam wie aus heiterem Himmel.

Kurdirektor Dr. Gerhard Königbauer: „Die Rezession hat Einbußen von etwa zehn Prozent gebracht. Doch im letzten Jahr haben sich die Zahlen stabilisiert, und 1978 rechnen wir wieder mit einem Plus von wenigstens zwei Prozent.“

Das Bad Reichenhaller Beherbergungsgewerbe reagierte überraschend schnell auf die veränderte Situation, die mit erhöhten Anstrengungen gleichzusetzen war. Hotellerie und Privatvermieter opferten 400 Fremdenbetten einer zeitgemäßen Modernisierung. Zwei Zimmer wurden etwa zu einem mit Bad und Toilette umgebaut. Augenblicklich gibt es in Bad Reichenhall 8600 Kurgastbetten, davon annähernd die Hälfte mit Dusche/Bad und WC. Die Unterkunftskapazität ist mit jährlich 68 000 Kurgästen (Aufenthaltsdurchschnitt 23 Tage) und 35 000 Besuchern (drei bis vier Tage) zu rund 60 Prozent ausgelastet (1,65 Millionen Übernachtungen).

Die Krisenanfälligkeit Bad Reichenhall: ist bei einem Verhältnis von 75 Prozent Privatgästen zu 25 Prozent Sozialpatienten besonders gegeben. Die Versicherungsanstalten unterhalten sechs Häuser mit insgesamt 600 Betten. Drei von vier Gästen entscheiden sich in freier Wahl für Bad Reichenhall als Ort einer Heilkur.