Wiederbesichtigung der Avantgarde von gestern, das hat immer etwas Beunruhigendes. Entweder schmecken die Erregungen von damals heute schal, dann heißt es den Essig der Vergänglichkeit schlucken. Oder alles ist anrührend, packend, nicht loslassend wie beim erstenmal, dann stimmt’s mit der seither abgelaufenen Zeit nicht ganz, sie ist zu sehr in den Fugen, Polonius-Zeit, nicht Hamlet-Zeit, und wer möchte da schon leben? Günstiger Zufall, daß in London jetzt zwei Stücke laufen, die vor fünfzehn, zwanzig Jahren Aufsehen machten, Harold Pinters „Heimkehr“ und Arnold Weskers „Wurzeln“, Mittelteil seiner Trilogie, die sukzessive aufgeführt wird. Zwei re-makes, und enthüllender läßt sich Theater nicht denken.

Das beginnt beim Ambiente. „Wurzeln“ wird im Shaw-Theater gespielt, weit weg vom Bühnengeschäft des Londoner Eastend, dicht neben dem Bahnhof St. Pancras, einer vom Verkehr zernierten Gegend am Schnittpunkt unterschiedlicher Wohn- und Arbeitsviertel, eine rechte Wesker-Landschaft. Sein Traum vom Kulturzentrum im Camden-Town-Roundhouse war damals, als „Roots“ entstand (1959), noch nicht ausgeträumt. Wenn er sein heutiges Publikum sieht, mag er einen neuen Traum beginnen. In der Nachmittagsvorstellung ist fast kein Platz zu haben, kaum einer der Zuschauer über 20, das teuerste Ticket kostet zehn Mark. Jeder zehnte ist ein Farbiger, und an der Bar mischt sich die Besucherschar der übrigen Teile dieses Community Centre mit dem Theatervolk. Wesker hat „sein“ Auditorium wie eh und je. Das Stück wurde mit Ehrfurcht vor dem Text inszeniert, kein Wort ist geändert (wenn das Gedächtnis nicht trügt), so als gelte es Werktreue vor der Urfassung eines lange verschandelten Klassikers zu üben. Vom „Manchester Guardian“ redet die Hauptdarstellerin, die zur Familie nach Norfold zurückgekehrte, in London „klassenbewußt“ gewordene Beatrix. Kein Mensch sagt heute etwas anderes als „Guardian“. Was soll die Glasglocke? Doch die jungen Leute im Saal sitzen still, wenn das Papierene des Textes an manchen Stellen deutlich raschelt. Erst am Ende, wenn der angebetete, der große, vielzitierte Aufklärer, gar nicht zur Verlobung erscheint und die Braut im Alleinsein beginnt, sich selbst zu artikulieren, statt Slogans nachzuplappern, da ist es plötzlich nicht mehr Literatur, sondern Theater, eine lebendige Gabe an viele in ähnlicher Situation.

Ebenfalls nachmittags gesehen, aber im Herzen des Bühnenkommerz: „The homecoming“ (1965). Hier, im Garrick-Theater, ist das Publikum doppelt so alt, im Parkett kostet es bis zu 20 Mark, und mehrere Reihen gähnen leer. Hier treten nicht, wie im Shaw, meist unbekannte Schauspieler auf, sondern Stars, die selbst der deutsche Film- und Fernsehkonsument kennt, Timothy West, Titelheld der Serie über Eduard VII., und Gemma Jones, die in Ken Russells „Teuflischen“ dabei war. Dies ist die entfesselte Inszenierung eines kalkulierten Stücks. Hier werden Wunden geschlagen, nicht Brücken gebaut. Auch hier kommt jemand heim, der Älteste, der gebildete Sohn mit seiner scheinbourgeoisen Frau, die in die verbissene Männerwelt des Haushalt aus verwitwetem Vater, Hagestolz-Onkel, Strizzi-Sohn und Boxer-Bruder einbricht wie eine Naturgewalt, nicht als Sexbombe, sondern, wenn der Vergleich erlaubt sei, mehr als deren Neutronen-Variante: nicht Hitze wirkt ein oder Druck, sondern die (kalte) Strahlung. Die Herren installieren sie als Haus-Hure, der Doktor der Philosophie reist ab. Wer ist da zu wem heimgekehrt? Am Ende überleben, wie bei der Neutronen-Bombe, die Möbel.

Bei Wesker ist es die Naivität der sozialen Botschaft, bei Pinter die Brutalität einer asozialen Psychologie, durch die man sich, hier wie dort Luft holend, hindurchfinden muß. So wie die Menschen sein sollten („Roots“), sind, sie nicht, und wie sie sind („Homecoming“), sollten sie lieber nicht sein. Reden beide wirklich von der gleichen Generation? Aber Goethe und Kleist oder Hauptmann und Wedekind waren auch Genossen ein und der selben Zeit. Humanitätskolleg und Triebsezierung, moralische und unmoralische Anstalt, aber nicht einfach als zwei Seiten einer Medaille, es sei denn, man sieht den Zusammenhalt in den komischen Szenen, mit denen beide Stücke reichhaltig operieren, so als seien Milieu und Message pur nicht genießbar. Karl Heinz Wocker