Vom Stuhl riß die Meldung die Münchener beileibe nicht. Zwar rieben sie sich ein wenig die Augen und lasen die fette Schlagzeile ein zweites Mal, doch dann gab ihnen das Fragezeichen am Ende der Überschrift Entwarnung. „Olympische Spiele 1984 in München?“ drohte „Münchens flotte Zeitung“, die tz, und löste damit nicht nur Hoffnungen, sondern auch Schreckensvisionen aus. Warum soll es denn München schon wieder treffen, grantelte mancher Bayer; doch er machte die Rechnung ohne seine frisch gewählten Stadt-Oberen.

Die nämlich schielen schon seit einigen Wochen begierig auf jene Schubladen, in denen seit drei Jahren ein paar Geheimpläne verwahrt werden, mit denen in München kurzfristig die stets startbereite Olympia-Organisation wieder angeleiert werden kann. Damals sah es so aus, als komme Montreal mit den Bauten für die 76 Olympiade in Zeitdruck, weshalb sich München „bereithalten“ durfte. Jetzt scheint es so, als ob die Isarmetropole wieder einmal unentbehrlich ist. Das Geldpoker zwischen Los Angeles, dem Gastgeber der Sommerspiele 1984, und dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) droht zu platzen, und wieder ist München im Gespräch.

Ausgedacht hat sich das alles Willi Daume, der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, der sich München immerhin So verbunden fühlt, daß er sein Büro mit Blick auf das Zeltdach im einstigen Olympiadorf etablierte. „Ich würde mich sehr darüber freuen“, meinte dann auch der eben inthronisierte CSU-Oberbürgermeister Erich Kiesl zu Daumes olympischen Träumen. Politiker Kiesl wittert natürlich einen Prestigegewinn, zumal er. sich just im Olympiajahr 1984 zur Wiederwahl stellen muß, und weil Sportsfreunde für Politiker eben die besten Wahlkumpane sind.

Immerhin wurde im Münchener er Rathaus nicht nur spekuliert, sondern auch kalkuliert. Obwohl alle Sportstätten vorhanden sind, würde eine Neuauflage der Spiele von München zwischen 700 Millionen und einer Milliarde Mark kosten. Es müßte also gebaut werden; denn das olympische Dorf von 1972 wird längst bewohnt, im Pressezentrum sind Schulen untergebracht, in der Pressestadt begehrte Sozialwohnungen. Und die meisten Sportstätten wurden inzwischen für die „zivile“ Nutzung umgebaut und entsprechen deshalb zum Teil gar nicht mehr den Anforderungen olympischer Wettkämpfe.

„Wenn Bund und Land finanziell mitmachen, dann wird München das IOC nicht im Stich lassen“, verkündete Kiesl schon auf der Suche nach zahlungskräftigen Partnern und ließ sich gleich die alte olympische Abrechnung von 1972 hervorkramen. Sie weist aus, daß München und der bayerische Freistaat damals ein gutes Geschäft machten. Jede Mark ihrer Drittel-Beteiligung an den Olympiakosten von 1972 lief damals durch höheres Steueraufkommen wieder in ihre Kassen zurück. Der einzige, der wirklich zulegte, war der Bund.

Ein Geschäft wäre es also allemal, wenn die IOC-Verträge mit Los Angeles bis zum Stichtag 31. Juli noch auf der Strecke blieben und München, mehr lachend als weinend, einspringen dürfte. Was den Fremdenverkehrsdirektor Otto Hiebl zu der Aussage veranlaßte: „Solange noch nicht jeder Erdbürger wenigstens einmal zu Besuch in München war, bin ich mit der Austragung von Spielen einverstanden.“

Rolf Henkel