Neumarkt/Bayern

Ein Kind von Traurigkeit ist er gewiß nicht, eher ein lebenslustiger Altbayer, der trotz seines jugendlichen Alters von 34 Jahren mehr bayerisch-barock als strebsam und bigott auftritt. Seit Pfingsten freilich ist dem Oberpfälzer CSU-Landtagsabgeordneten Hans Spitzner kaum noch nach Spaß und Gaudi zumute, denn just zum christlichen Fest wurde der Diplom-Volkswirt aus dem Stimmkreis Neumarkt unvermutet das Opfer einer Kampagne, für die das von derartigen Erscheinungen neuerdings öfter heimgesuchte Bayern die Bezeichnung „politischer Exorzismus“ fand: 27 Kapläne und katholische Pfarrer bliesen zur Austreibung des vermeintlichen Teufels und forderten, die Wirkung des C im Parteinamen CSU arg überschätzend, Spitzners Karriere sei unverzüglich zu beenden.

Der Bannstrahl des Klerus traf den Abgeordneten, weil er vor fünf Monaten zum zweitenmal heiratete, was die frommen Männer aus der Oberpfalz beim „Repräsentanten des überwiegend katholischen Stimmkreises“ nicht einfach hinnehmen wollten. „Unsere Gläubigen würden es nicht verstellen, wenn wir Seelsorger nur von der Kanzel die kirchliche Eheauffassung vertreten“, eiferten die geistlichen Herrn und forderten in einem Brief, den sie nicht nur an CSU-Generalsekretär Gerold Tandler, sondern auch an den Generalvikar beim Bischof zu Eichstätt und den zuständigen CSU-Bezirksverband richteten, geharnischte Konsequenzen. Der „sündige“ Abgeordnete, der eben erneut als CSU-Kandidat für die Landtagswahl im Oktober nominiert wurde, habe sofort von der politischen Bühne abzutreten. Geschehe dies nicht, dann müßten sie „vor der Wahl... öffentlich Stellung beziehen“, drohten die Priester mit der in Bayern noch immer gefürchteten Macht der Kanzel.

Was im frommen Freistaat anfangs niemand zu glauben wagte, trat bald ein. Spitzner, dessen erste Ehe nach einjähriger Dauer 1971 „in gegenseitigem Einvernehmen“ aufgelöst worden war, blieb vom Bannstrahl verschont. Der Abgeordnete, der 1974 trotz des Makels des Geschiedenen mit 79,4 Prozent das beste Wahlergebnis in ganz Bayern erzielte und seitdem „Raketen-Spitzner“ gerufen wird, registrierte jetzt sogar „eine ungeheure Sympathiewelle“, auf der auch engagierte Katholiken mitschwammen.

Just dies macht denn auch stutzig. Spitzner, jahrelang als „begehrtester Junggeselle“ seines Stimmkreises in der Oberpfalz gefeiert, legalisierte mit der am 30. Dezember letzten Jahres vor dem Standesbeamten geschlossenen Ehe nur ein „Verhältnis“, von dem Eingeweihte längst wußten. „Hätte ich also weiter in Sünde leben sollen?“ fragt nun der kirchenfeste Abgeordnete und argwöhnt; eine halbwegs geheime Sünde sei offenbar keine so schwere Sünde, daß der Klerus gegen sie gleich öffentlich einschreiten müßte.

Der Hauptadressat des Inquisitionsbriefes aus der Oberpfalz blieb bei solchen Spitzfindigkeiten gelassen. CSU-Generalsekretär Tandler befand zwar, seine Partei bemühe sich, ihre Entscheidungen auf der Grundlage der christlichen Sittengesetze zu fällen. Zugleich sei die CSU aber „keine Vereinigung von Heiligen“, was wohl auch für die katholische Kirche zutreffe, meinte Tandler und erteilte Spitzner den Segen wenigstens der Partei. Für die CSU ist der stimmen starke Oberpfälzer trotz dessen zweiter Ehe weiterhin ein Ehrenmann. Für die Kirche freilich nicht. Beim Frühgottesdienst in Neumarkt kanzelte Kaplan Leodegar Karg den Politiker letzten Sonntag zum erstenmal öffentlich ab.

Rolf Henkel