Wir sind ausgewandert. Nach Schweden. Viele Gründe, sprachen für diesen Entschluß, nicht zuletzt der, unseren Kindern, elf und vier Jahre alt, bessere Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten. Das mag absurd klingen, und ich höre schon die Einwände: „Deshalb braucht man doch nicht nach Schweden zu gehen. Unsere Kinder können beileibe auch in Deutschland frei aufwachsen.“

Wir wohnten in einem Villenvorort von Köln, direkt am Botanischen Garten, in unmittelbarer Nähe vom Zoo und den Rheinwiesen, für Großstädter eine nahezu ideale Wohnlage. Jeden Nachmittag ging ich mit meinen Söhnen anderthalb Stunden ins Freie. Sie sollten klettern und toben dürfen. Doch wie? Im Botanischen Garten war das Betreten der Rasenflächen, sogar das Rollerfahren auf den Wegen verboten. Schon wenn die Kleinen einen Purzelbaum schlagen oder ein Gänseblümchen pflücken wollten, mußte die Ermahnung kommen: „Nicht auf den Rasen gehen, sonst schimpfen die Gärtner!“

Auf dem Sandplatz, etwa 18 Quadratmeter groß und auf mein Betreiben hin angelegt, drängten sich bei schönem Wetter 20 Mütter mit ihren Kleinkindern. Sie waren froh, daß es überhaupt einen Platz innerhalb des Botanischen Gartens gab, der für Hunde unerreichbar war. Der Platz war zwar eng für den Kleinen, aber schön zum Buddeln, für den Großen jedoch war er kein Betätigungsfeld.

Ihm zuliebe besuchten wir nun den Spielplatz im Zoo, auf dem eine ausrangierte, buntbemalte Lokomotive stand – für den Älteren sehr schön zum Klettern, nun jedoch nicht für den Jüngsten, weil der graue Sand ringsum so verschmutzt, voll von Unrat und Glassplittern war, daß man nur mit geschlossenen Augen ein Kleinkind damit hantieren lassen konnte. Nebenan zwei Rutschen, die eine kaputt, die andere so schlecht konstruiert, daß die Kinder nur mit Mühe unten landen konnten. Früher wohl einmal vorhanden gewesene Schaukeln waren abgenommen, nur das übriggebliebene Eisengerüst erinnerte an bessere Zeiten. Zur Abwechslung konnten wir noch zu den Rheinwiesen laufen. Aber Abfall, Hundekot und die Tatsache, daß keinerlei Spielgeräte vorhanden waren, machten auch dieses Gelände nicht besonders attraktiv. Wegen des Verkehrs konnten die Kinder nur in Begleitung eines Erwachsenen nach draußen. Dabei wäre es ein leichtes, reine Wohngebiete wie unseres zu „Spielgebieten“ zu erklären, die Geschwindigkeitsgrenze herabzusetzen, die Durchfahrt nur für Anlieger zu gestatten und den Autofahrern einen kleinen Umweg zugunsten der Kinder zuzumuten.

Natürlich war mir klar, daß unser Beispiel keineswegs repräsentativ sein konnte, weil meine Kinder es besser, hatten, als vielleicht 95 Prozent aller deutschen Großstadtkinder.

Jetzt, wenige Monate später, wohnen wir in einer Neubausiedlung einer mittelgroßen schwedischen Stadt, in Gävle. Vor unserem Haus befindet sich nicht nur ein Spielplatz mit vier Schaukeln, einer Wippe in Form eines Wikingerschiffs, Recks in unterschiedlichen Höhen, einem Drehkarussell, einem Ziegenbock, der beim Reiten auf- und abspringt, einem großen Sandkasten und Sitzbänken. Von der Eingangstür aus sieht man auf fünf weitere Spielanlagen, und in wenigen Minuten erreichbar sind viele mehr, jede mit Phantasie angelegt und gepflegt: Die „parkförvaltning“ (Parkverwaltung) sorgt für die Instandhaltung der Geräte und eine regelmäßige Erneuerung des Sandes. Die Kinder können frei herumlaufen oder radfahren, ohne vom Verkehr bedroht zu sein. Sie haben Vorfahrt vor den Autos, die fern von Wohnhäusern und Spielgebieten abgestellt werden müssen.

Hier sieht man: Kinder existieren, sie haben eigene und wichtige Interessen, und man nimmt sie ernst – nicht nur in dieser vorbildlichen Neubausiedlung.