Am Rentenmarkt sinken die Kurse. Daran hat die am 1. Juni wirksam, gewordene Senkung der Mindestreserven bislang nichts ändern, können. Die Bundesbank versucht, im Bereich der öffentlichen Anleihen den „Rückzug“ in geordneten Bahnen zu halten. Da der eigentliche Druck jedoch von den Pfandbriefen und Kommunalobligationen ausgeht, ist es bisher nicht gelungen, die Abwärtsbewegung zum Stillstand zu bringen. Sie ist aber langsamer geworden.

Noch wollen die Experten in der veränderten Situation keine „Trendwende“ sehen. Bundesbankpräsident Emminger spricht vielmehr von eisern Zinshöcker, andere sprechen von einem „Atmen“ des Zinses.

Über die Ursachen der Zinsunsicherheit besteht Einmütigkeit. Da vermutlich Währungsgewinne in der Mark nicht mehr zu erzielen sind, schwenken internationale Investoren in den Dollar um. Das führte zu einer Verringerung der inländischen Liquidität, die jetzt durch die Mindestreservesenkung teilweise wieder aufgefüllt werden wird. Verstärkt wurde der Auszug aus der Mark durch die aufwärtsstrebenden Wall-Street-Kurse. Amerikanische Aktien gelten als interessanter als deutsche. Überdies lassen sich in Dollar-Papieren höhere Zinsen als am deutschen Rentenmarkt erzielen, Man glaubt, diese Differenz jetzt kassieren zu können, da man die Gefahr eines Dollarverfalls als vorerst gebannt ansieht.

Worüber Bankiers nur ungern sprechen: Als sich die Meinung durchsetzte, daß der deutsche Rentenmarkt keine neuen Kursgewinne mehr zu bieten hatte, begannen die Kreditinstitute mit einer deutlichen Verringerung ihrer Rentenbestände. Auch Rentenfonds verkleinerten ihre Portefeuilles, weil sie Kursverluste befürchteten.

Unter diesen Umständen mußten zunächst einmal alle Anleihepläne zurückgestellt werden. Die Konditionen der letzten Bundesanleihe, die in drei verschiedenen Tranchen aufgelegt worden war, sind längst nicht mehr marktgerecht. Heute werden 6 1/4prozentige Pfandbriefe mit zehnjähriger Laufzeit zu Kursen von 99,5 Prozent angeboten. Wer würde da noch Bundesanleihen zum Nominalzinssatz von 5 3/4 Prozent und zwöl riger Laufzeit zum gleichen Kurs erwerben?

Die Reälkreditinstitute, die einige Zeit lang sechsprozentige Pfandbriefe zu Kursen von über 100 Prozent plazieren konnten, haben auf die Zinserhöhung bereits reagiert und die Auszahlungskurse für sechsprozentige Hypothekendarlehen zum Teil von 98 auf 93 Prozent zurückgenommen.

Dies setzte natürlich Signale! Nicht wenige Bauherren baten sich bislang mit der Finanzierung ihrer Objekte zurückgehalten, weil sie hofften, noch billiger zum Zuge zu kommen. Jetzt fürchten sie, den günstigsten Zeitpunkt verpaßt zu haben, und drängen auf beschleunigte Darlehenszusagen.