Von Benjamin Henrichs

Am Ende ging es wieder sehr honorig, ganz Ahansestädtisch zu. Dabei hatte es im wochenlangen Hamburger Theaterstreit, der immer mehr zu einer Privatfehde zwischen dem Kultursenator Dieter Biallas und dem Schauspielhaus-Intendanten Ivan Nagel ausgeartet war, lange Zeit nach einem Eklat ausgesehen. Nagel, zunehmend gereizt und verbittert, weigerte sich, die immer neuen "Geschäftsanweisungen" seines Aufsichtsrates zu befolgen, wurde dafür öffentlich gerügt, mit einem "Ultimatum" zur Subordination aufgefordert, sogar eine fristlose Kündigung (samt Streit vor dem Arbeitsgericht) drohte.

Dann fanden die Streitenden, vermutlich am Ende ihrer Nervenkräfte, doch noch den rettenden Kompromiß. Alles gut also? Gar nichts gut. Denn am Ende waren nur die guten Umgangsformen gerettet – nicht aber die Theaterarbeit, um die es ging. Ivan Nagel, zermürbt und entmutigt, wird das Hamburger Schauspielhaus am Ende der Spielzeit 1978/79 verlassen. Versehen mit dem Zeugnis derer, die ihn zermürbt und entmutigt haben, und die jetzt (Original-Zitat Aufsichtsrat) "ausdrücklich anerkennen, daß unter der Intendanz von Ivan Nagel am Deutschen Schauspielhaus, wichtige Beiträge zum zeitgenössischen deutschen Theater geleistet worden sind". Ein Trost. Ein trostloser Trost.

Denn statt nun, zum bitteren Ende des Konflikts, markige Ehrenerklärungen abzugeben (Ivan Nagel hat sich um das Vaterland verdient gemacht), hätten der Aufsichtsrat und sein Vorsitzender Dieter Biallas den Streitfall von Anfang an anders behandeln können, mit weniger Worten, mehr politischem (und menschlichem) Taktgefühl. Der Konflikt nämlich war keineswegs ein dramatischer, er gehört fast schon zur Routine in den Beziehungen zwischen den Städten und ihren Theatern. Er hätte sich im Interesse aller Beteiligten lösen lassen, ohne Geschrei und ohne Gestank.

Zur Chronologie: dem Schauspielhaus drohte, wie in den meisten Spielzeiten zuvor, auch in diesem Jahr ein Defizit, insbesondere Mehrausgaben von etwa 200 000 Mark. Kein katastrophaler Vorgang, aber doch ein beunruhigender – und natürlich für die Kulturbehörde ein Anlaß, über die ständigen ökonomischen Schwierigkeiten des Schauspielhauses neu nachzudenken. Man hätte (am besten nicht gleich öffentlich) die Argumente beider Seiten erörtern können. Sicher ist Nagel im Recht, wenn er über das irreal hohe Einnahmesoll klagt, und mehr noch, wenn er darauf beharrt, daß künstlerisches Risiko und kommerzielles Risiko nicht voneinander zu trennen sind. Ein guter Kaufmann ist noch lange kein guter Intendant; jeder gute Intendant ist auch ein Hasardeur. Natürlich aber hätte man Nagel auch fragen müssen, ob seine immer wieder ausbrechende Neigung zu einem luxuriös-repräsentativen Star- und Festspieltheater (Beispiel: das unselige, unnütze Engagement Giorgio Strehlers) noch "Mut zum Risiko" ist oder schon Protzerei. Am Ende dieser Gespräche wäre eine Lösung zu finden gewesen, die weder den Künstlerehrgeiz der Theaterleute noch den Sparsamkeitssinn der Theaterpolitiker allzu schmerzlich verletzt hätte – vermutlich hätte dieser friedliche Kompromiß ganz ähnlich ausgesehen wie der jetzt mit vielen Wunden errungene, Retter oder Bankrotteur?

Doch was eine theaterpolitische Routinearbeit sein müßte, geriet in Hamburg zu einer Theateraffäre, zu einer peinigenden Veranstaltung, voll Tragikomik auch und Hysterie. Denn in Hamburg ist Wahlkampf zur Zeit – nicht gerade ein Frühling für die Vernunft. Und um das Hamburger Schauspielhaus tobt sowieso immer der Wahlkampf, seit fünfzehn Jahren schon, seit Gründgens’ Tod. Nirgendwo anders werden Intendanten so rabiat diffamiert, so systematisch entnervt, so planvoll abgeschossen wie in dieser vornehmen Stadt. Nirgendwo anders muß ein Intendant, kaum berufen, in den Zeitungen schon die Diskussion über seinen Nachfolger lesen. Nirgendwo anders ist die lokale Theaterkritik so mordlustig wie in dieser Stadt; nirgendwo kommen soviel theaterkritische Ignoranz und soviel theaterpolitische Militanz zusammen wie hier. Nur in Hamburg konnte es passieren, daß ein im ganzen Land respektierter Theatermann wie Nagel alljährlich als "Bankrotteur" beschimpft wurde; eine ziemlich kühne Interpretation der Tatsache, daß Nagel den Dauerbankrott des Deutschen Schauspielhauses nach Gründgens liquidiert hat. (Kein Beweis, aber ein Indiz: mit neun Aufführungen in sieben Jahren Nagel wurde das Schauspielhaus zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Man muß schon geübt sein in mafiosen Tätigkeiten, wenn man auch diesen Erfolg als Intrige einer "bundesdeutschen Kritiker-Mafia" erklärt). Nagel, von "Welt" und "Bild" diffamiert (die nur noch die "Nackten und die Roten" auf der Bühne sahen – ein wollüstiger Angsttraum, keinesfalls die Realität), hätte diesen Zermürbungskampf ohne einen Verbündeten nicht überstanden: nicht ohne den Kultursenator Biallas und dessen zwar nicht gerade demonstrative und herzliche, aber doch unübersehbare Loyalität. Zwei Verbündete in einer höchst heiklen Koalition. Warum dies Bündnis gerade jetzt zerbrach, den gemeinsamen Gegnern von Intendant und Senator zur Freude, dafür gibt es viele Erklärungen, und die simpelsten sind nicht die besten.

Nagel macht es sich sicher zu einfach, wenn er Biallas’ Attacke ausschließlich als ein Wahlkampfmanöver interpretiert. Gewiß, vor Wahlen sind "starke Männer" gern besonders stark, eine Dummheit macht da auch der Gescheiteste. Biallas, statt mit Nagel einen neuen Modus, neue, bessere Kontrollen für die Schauspielhaus-Geschäfte auszuhandeln, ausgerechnet Biallas, der Liberale, verfuhr landesherrlich, obrigkeitlich mit seinem Intendanten: ersann immer neue Geschäftsanweisungen, deren erste, Nagel am tiefsten kränkende, den Intendanten zum Untergebenen seines ihm untergebenen Verwaltungsdirektors gemacht hätte.