Berlin: „Schallplattenhüllen, Funktion und Bildweiten“

Als die Schallplatte 1895 von Emil Berliner erfunden wurde, hatte sie noch keine Hülle. Das Kautschuk-Produkt und auch sein Nachfolger, die 78er Schellack-Scheibe waren noch schutzlos dem Staub ausgeliefert. Und es sollte noch über ein halbes Jahrhundert dauern, bis man die Schallplatte, die jetzt als „LP“ oder als „Single“ bezeichnet wird, mit dem bekleidete, was sich unter dem Namen „Cover“ eingebürgert hat. Der Neue Berliner Kunstverein, der rund 200 Exemplare dieser Sonderspezies der Warenästhetik zu einer Ausstellungskollektion zusammenstellte, setzt den historischen Fixpunkt für den wirklichen Beginn der Ära des Covers bei jener legendären Hülle an, die man um die legendäre Platte der Beatles mit dem Titel „Sgt. Pepper“ legte. Mit dieser Ausstellung nun wird dieses triviale Genre der Gebrauchsgraphik, das seine Nachbarsparten, die Werbung etwa, um viele Runden überflügelte, sogar zum ernsthaften kunsthistorischen Forschungsgegenstand. Peter Steuyvesant war ein Waisenknabe, nimmt man die Bilderflut, die sich da im Plattenquadrat entwickelte. Die Bezeichnung als Verpackung für die Ware Schallplatte wäre für diese artifiziellen Produkte viel zu profan. Nur weil sie aber doch immer noch einen Zweck haben, nämlich mit reizendem Augenzwinkern Käufer zu locken, rechnet man diese künstlerischen Leistungen dem Sektor der Gebrauchsgraphik zu. In dieser Ausstellung allerdings wird er artig analysiert, geordnet, gruppiert, interpretiert, als Kunstprodukt ernstgenommen. Und wenn auch die Gruppierungen, mit denen man Ordnung in die Bilderflut bringen wollte, kaum überzeugen, weil sie allenfalls ein Hinweis darauf sind, daß der musikalische Inhalt (bis auf einzelne Ausnahmen) nichts mit der visuellen Gestaltung zu tun hat, so demonstriert dieses Platten-Cover-Panorama doch: In dieser graphischen Branche ist alles erlaubt, der unverblümte Raub anderer Ideen, die nicht einmal verfremdet, sondern schlicht kopiert werden (Warhols Campell-Dose etwa), und bei diesen Raubzügen lieferte vor allem die amerikanische Pop-Art ein reichhaltiges Beutefeld. Eines haben die Veranstalter freilich nicht verhindern können mit dieser sicher ungewöhnlichen „Kunst“-Schau. Als sie dieses „heiße Eisen auf die „edle“ Ebene eines Kunstvereins transponierten, wurde es akademisch. Anders gesagt, diese Schau ist längst nicht so interessant wie ein Plattenladen. Denn was die Hüllen provozieren wollen, die Neugier auf den Inhalt, kann hier nicht befriedigt werden, und so ergibt sich nur der große Frust. (Neuer Berliner Kunstverein bis 27. Mai, Katalog 10 Mark)

Daghild Bartels

Bielefeld: „Felix H. Man – 60 Jahre Fotografie“

Um 1930 berichtet er mit der Kamera über „Tote Zechen, tote Hütten – Das Bild der Not im Ruhrgebiet“ und den Lunapark in Berlin, zeigt eine schlesische Weberfamilie beim kargen Mittagsmahl und Mussolini in seinem monumentalen Arbeitszimmer, photographiert die Zuhörer eines Konzerts in einem Londoner Privathaus der Oberklasse und Menschen in einem billigen Pub, porträtiert Prominente und Unbekannte, Mächtige und Machtlose – Kontraste bestimmen die Ausstellung, die mit rund 180 Schwarzweiß- und Farbphotos aus sechs Jahrzehnten einen eindrucksvollen Überblick über die Arbeit des Mannes gibt, der 1893 als Hans Felix Siegismund Baumann in Freiburg geboren und als Felix H. Man zu einem der Pioniere des Bildjournalismus in Deutschland wurde. Wie Erich Salomon und andere große Kollegen jener Jahre war auch Man kein gelernter Photograph: Nach einem vom Kriegsdienst unterbrochenen Studium der Malerei und Kunstgeschichte arbeitete er zunächst unter anderem als Zeichner und wurde erst Ende der zwanziger Jahre hauptberuflich Photojournalist. Die Aufarbeitung der Geschichte der Photographie rückt jetzt auch sein Werk wieder ins Blickfeld – nicht nur in Deutschland: Eine in New York gestartete Wanderausstellung zeigt zur Zeit einhundert seiner Photographien in mehreren Städten der USA und Kanada. Neben den frühen, nicht nur tagesaktuellen Bildreportagen des 1934 aus Nazideutschland Emigrierten überzeugen vor allem die Porträts, die sich aus der Reportage entwickelten und den Menschen fern üblicher Atelierposen in seiner alltäglichen Umgebung zeigen. Für Man bedeuteten diese Porträts nicht zuletzt eine Rückkehr zum Entdeckung zum Sichtbaren. zur immer wieder neuen Entdeckung des Sichtbaren. „Die Kamera kann nur ein Abbild machen von dem, was zu sehen ist, aber nicht Rom kann sehen, was da ist“, schreibt der heute in Rom und London lebende sind, dessen Reportagen und Porträts auch Anstoß sind, zu entdecken, was da ist – zum Beispiel im Menschen. (Kunsthalle bis 2. Juli, anschließend Frankfurter Kunstverein und Neue Galerie/Sammlung Ludwig Aachen, Katalog 16 Mark) Raimund Hoghe

Wichtige Ausstellungen:

Aachen: „James Ensor – Radierungen“ (Suermondt-Museum bis 18. Juni, Katalog 10 Mark)