Kalam, der letzte Ort am oberen Swat in dem es noch Hotels gibt, stellte sich als – ein winziges Dorf heraus, mit zwei Unterkünften ohne Elektrizität, einigen Läden und Teestuben, mit einer reichverzierten Moschee, einer neuerbauten Polizeistation sowie – überraschenderweise – mit mehreren Schulen. Die Einwohner von Kalam im Nordwesten sehen wilder aus als im übrigen Pakistan, die Gesichter der Männer sind kantig, mit stark ausgeprägten Nasen und stolzem Blick. Fast alle tragen Waffen: Karabiner, Patronengurt und Messer zeugen davon, daß diese Stämme auf eine lange Tradition von Unabhängigkeitskämpfen zurückblicken. Erst vor neun Jahren sind die endgültigen Grenzen Von Swat festgelegt worden; das halbautonome Fürstentum wurde 1969 Teil Pakistans. Seitdem, so erzählen einige Einwohner Swats, sei alles ganz entschieden schlechter geworden.

„Sie dürfen Kalam leider nicht verlassen“, erklärte achselzuckend ein Polizeibeamter, den wir nach der Bedeutung der großen Verbotstafel am Dorfausgang fragten. Die Stämme oberhalb Kalams seien nur schwer zu kontrollieren. Erst kürzlich habe man dort ein amerikanisches Touristenpaar ausgeraubt. Nichts war es also mit dem Wandern, nichts mit dem vom Prospekt versprochenen „atemberaubenden Blick“ auf den knapp 6000 Meter hohen „Mount Falakser“, und auch auf den geplanten Fußmarsch ins Chitral-Tal mußten wir verzichten: Vor Ort stellte sich der Weg über den Paß länger und beschwerlicher heraus; als vom Touristenbüro geschildert. Somit blieb uns nichts anderes übrig als umzukehren und im weiten Bogen um das „räuberische“ Gebiet nach Chitral zu fahren.

In einem nach Landessitte mit mythologischen Bildern grell bemalten uralten Bedford-Bus schaukelten wir etwa zehn Stunden läng durch eine karge, unfruchtbare Gegend von Swat nach Dir. Dort verbrachten wir im einzigen Hotel eine schlaflose Nacht: Ungezählte Hunde kläfften und Kassettenrecorder plärrten schrill bis zum nächsten Morgen. Mißmutig fanden wir uns am Vormittag mit unseren Fahrkarten auf dem Platz ein, von dem der Geländewagen nach Chitral abfahren sollte. Aber: „Es müssen mindestens zwölf Leute mitfahren, sonst lohnt sich eine Fahrt nach Chitral für die Gesellschaft nicht“, wurde uns lapidar von dem Besitzer des Autos beschieden.

Da kam uns der Zufall zu Hilfe. Ein junger Pakistan! brauste mit seinem Geländewagen heran, fragte, ob wir nach Chitral wollten, er hätte noch Plätze frei. „Hippies würde ich nicht mitnehmen, aber ich sehe, Sie sind ‚honest people‘“.

In Chitral-Stadt liegt der einzige Bazar des ganzen Distrikts; es gibt eine große, weiß gekalkte, kunstvoll verzierte Moschee und den teilweise verfallenen Herrscherpalast des ehemaligen Mektars von Chitral – mit einer Leibgarde in Operettenuniform.

In der Bank, wo wir unsere Dollars wechselten, lagen die Geldscheine noch unbewacht auf dem Tisch. Einige waren auf den Boden gefallen, wo sie wohl bis zum Abend liegen blieben. Professor Israr ud Din, den wir in Chitral kennenlernten, versicherte uns, daß es hier noch keine Gewaltkriminalität gäbe. Er studierte in London, lehrt an der Universität in Peshawar und verbrachte gerade die Ferien im Haus seiner Familie, in einem kleinen Dorf nahe Chitral. Das Anwesen, das mehr als vierzig Familienmitglieder samt Dienerschaft beherbergt, liegt an einem kleinen Hügel und ist von schattigen Bäumen umgeben, die es vor dem scharfen, den Staub der Ebene aufwirbelnden Wind, abschirmen. Der Hausherr empfing uns im Gästetrakt. Der weibliche Teil der Familie wurde nur mir vorgestellt, denn außer zu Familienmitgliedern dürfen die Frauen keinen Kontakt zu Männern haben, nur selten ist ihnen erlaubt, das Haus zu verlassen. Im mohammedanischen Chitral werden sie in „Purdha“ gehalten, in strenger Abgeschlossenheit. Nur die Frauen der ärmeren Bauern kann man auf dem Feld unverschleiert arbeiten sehen. Aber selbst diese dürfen nicht einmal im Bazar einkaufen.

Chitral ist 12.000 Quadratkilometer groß, ein Land der Gletscher und Berge, von denen der „Tirich Mir“ mit fast 8000 Metern das Wahrzeichen des Tals ist. Ein jahrhundertealtes ausgeklügeltes Bewässerungssystem macht noch aus dem kleinsten Flecken Erde fruchtbares Land, auf dem vor allem Reis, Weizen, Mais, Zwiebeln und Kartoffeln angebaut werden. Dennoch führen die knapp 200 000 Chitrali ein ärmliches Leben; der starke Familienverband sorgt jedoch dafür, daß man hier im Gegensatz zum übrigen Pakistan keinen Bettler sieht.

Bei Professor Israr ud Din thronte unter einem dicken, trauerweidenähnlichen Baum das 76 Jahre alte weißbärtige Oberhaupt der Familie auf einem Podest. Um ihn und seine nebenbei auf der Erde sitzende Frau herum verteilten sich die Töchter und Schwiegertöchter. Es war unmöglich festzustellen, wer zu wem gehörte. Als ich Israr ud Din fragte, wie viele Kinder eigentlich, im Hause lebten, lachte er bloß und zuckte mit den Schultern. Es schien, unklar zu sein, aber auch unwichtig.