Da hatte also die medienpolitische Fernseh-Redaktion des Westdeutschen Rundfunks anläßlich des DGB-Kongresses „Ist die Rundfunkfreiheit bedroht? Für den Ausbau des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems“ ein Feature geplant und sich dazu eine Genehmigung von Chef- und Programmdirektion geholt durch eine „Projektbeschreibung“, in der es heißt: „Im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen Zukunftschancen, aber auch Bedrohung des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems wie des Kabelfernsehens ... Um eine ausschließliche Konferenzberichterstattung und Insider-Diskussion zu vermeiden, werden vorher drei der circa 400 eingeladenen Gewerkschafter in ihren Arbeitszusammenhängen und im Freizeitverhalten beobachtet und zu den Konferenzthemen, ihren Erwartungen und Einschätzungen befragt.“ Bei der „Abnahme“ fanden WDR-Programm- und Chefredakteur, der Film sei wegen „journalistischer Mängel“ nicht sendbar. Protest des DGB, Aufruhr im Sender, Sturm im Blätterwald, „Zensur!“.

Wir haben den Film letzte Woche zu sehen bekommen, unfertig, weil ohne Untertitel, aber fertig gemischt, mit Kommentar.

Daß nicht die geplanten drei „Basis“-Gewerkschafter befragt und beobachtet wurden (weil denen offenbar der Mut ausgegangen war), auch nicht, wie später beabsichtigt, schon einmal mit dem Problem der „Meinungsfreiheit“ Konfrontierte wie Drucker aus Wuppertal oder der Schriftsteller Günther Wallraff, sondern Mitglieder von Bürgerinitiativen, die mit Hilfe von WDR-Sendungen hatten verhindern können, daß ihre Zechensiedlungen abgerissen wurden, mag in der Tat keine, wie WDR-Redakteur Metzger meint, „schwerwiegende“ Änderung gewesen sein. Daß aber vom DGB-Kongreß nichts als ein paar medienpolitische Leerformeln von Potentaten aus Gewerkschaft und Funk, Politik und Kirche überliefert werden (wobei offenbleibt, ob der Kongreß aus mehr als diesen Luftblasen bestand); daß die Zukunftschancen und das Kabelfernsehen nicht einmal erwähnt werden; daß statt dessen der Film vollgestopft wird mit endlosen Laien-Bekenntnissen zu der – gewiß ärgerlichen – Veränderung der Feedback-Sendungen „Vor Ort“ und „Ende offen“ (worin niemandem tatsächlich erklärt wird, was hier warum verändert wurde); mit langen Passagen aus Filmen, die einen Grimme-Preis erhielten (einziger casus belli: WDR-Programmdirektor Hübner hatte bei der Preisverleihung abfällige Bemerkungen prinzipieller Art über die Entscheidung der Jury gemacht); mit demagogischen Klitterungen; mit unwidersprochenen Falschmeldungen („juristische Verfolgung derjenigen, die Programmfragen mit und in der Öffentlichkeit ganz bewußt diskutieren wollen“), darf, halten zu Gnaden, durchaus als nicht der ursprünglich geäußerten Absicht gemäß, als unjournalistisch, ja als unwahrhaftig eingeschätzt werden.

Nichts gegen, nein: alles für die Möglichkeit, die Probleme von Minoritäten und Unterprivilegierten an das Bewußtsein der breiten Öffentlichkeit zu zerren. Aber auch alles gegen eine – von welcher Seite auch immer – Manipulation der Fakten und Meinungen um eines vermeintlichen Vorteils willen. Daß filmerische wie journalistische Mängel nicht mit dem Hinweis auf das sozialpolitische Engagement des Autors erledigt werden können, sei doch zumindest einmal für kurze Zeit zu bedenken gegeben.

Einen Vorwurf allerdings darf man dem „Hause“ WDR nicht ersparen: Offenbar ist der Kommunikationsfluß von unten nach oben an manchen Stellen erheblich blockiert, ist umgekehrt die Bereitschaft von oben, sich ein wenig öfter und vor allem frühzeitig um den Fortgang der Produktionen zu kümmern, so sehr begrenzt, daß die Konflikte und Aggressionen mit Notwendigkeiten kommen.

Nicht die Kürzung von „Vor Ort“ oder „Ende offen“ bedroht die Rundfunkfreiheit, sondern der schonungslose Machtkampf derer oben, die ihre Kompetenzen verteidigen, gegen jene unten, die sich ihr Portiönchen Mut verschaffen wollen (müssen). Der innerbetriebliche Machtkampf in den Funkhäusern könnte die Kräfte derer überstrapazieren, die ihre Energie für die Abwehr eines politischen wie kommerziellen Drucks von außen benötigen. Heinz Josef Herbort