Fünf Monate nach dem Ende des Geschäftsjahres 1977 schwappt die Welle der Unternehmensberichte ihrem Höhepunkt entgegen. Überall im Lande laden Firmen von nationaler oder nur regionaler Bedeutung zu Pressekonferenzen ein, um der Öffentlichkeit Rechenschaft darüber abzulegen, wie sie das vergangene Jahr gemeistert haben. Da wird voller Stolz darauf hingewiesen, wie stark trotz der bekannten Schwierigkeiten der Umsatz gestiegen ist – und wo das nicht der Fall war, da ist zumindest ein Schuldiger zur Hand: der Staat, die Gewerkschaften, der Kurssturz des Dollar – oder alle zusammen. Da wird über die steigenden Rohstoffpreise, die hohen Lohnkosten und die drückende Steuerlast gejammert und voller Befriedigung darauf hingewiesen, daß es wieder einmal gelungen ist, Personal abzubauen. Dafür, ob das Jahr gut oder schlecht war, gibt es dann unter dem Strich vor allem einen Indikator: Wieviel Gewinn wurde erwirtschaftet?

Daß man dies alles auch ganz anders sehen kann, haben die Delegierten des Hamburger Gewerkschaftskongresses demonstriert. Da war viel vom Recht auf Arbeit die Rede, da wurde immer wieder betont, daß Beschäftigung wichtiger sei als Rendite, Da waren die Unternehmer nach Ansicht vieler Redner allein schuld daran, daß es mit der Wirtschaft noch immer nicht bergauf geht und daß seit 1974 im Jahresdurchschnitt eine Million Menschen in der Bundesrepublik vergeblich nach einer bezahlten Arbeit suchen.

Beide Standpunkte sind von sträflicher Einseitigkeit. Weder erschöpft sich der Sinn eines Unternehmens allein darin, eine Kapitalrendite zu erwirtschaften, noch kann es seine Aufgabe sein, für Beschäftigung um jeden Preis zu sorgen. Denn dieser Preis kann dann schließlich die Existenz des gesamten Betriebes sein. Wir müssen uns endlich angewöhnen, den Erfolg eines Unternehmens daran zu messen, was es für alle geleistet hat, die Arbeitskraft oder Kapital eingebracht, seine Produkte erworben oder – wie der Staat – die Voraussetzungen für seine Tätigkeit geschaffen hat.

Immerhin ist die Zahl der Unternehmen, die diese Gesamtleistung in Form einer Wertschöpfungsrechnung zu erfassen suchen, in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen. Kleiner, aber ebenfalls zunehmend ist die Gruppe der Firmen, die neben dem herkömmlichen Geschäftsbericht mit Gewinn- und Verlustrechnung auch eine Sozialbilanz vorlegen. So hat sich der Bertelsmann-Konzern in diesem Jahr in die Reihe der Unternehmen eingeordnet, die nicht nur über Umsatz und Rendite, sondern auch detailliert über die Leistungen für die Mitarbeiter und die gesellschaftliche Entwicklung innerhalb der betrieblichen Sozialgemeinschaft berichten. Die Deutsche Shell legt in dieser Woche ihre zweite Sozialbilanz vor. Unternehmen wie die Steag können bereits auf eine längere Reihe zurückblicken.

Neuland hat auch die deutsche IBM mit ihrem diesjährigen Geschäftsbericht betreten. Die Unternehmensleitung berichtet nicht nur über die sich in Umsatz- und Gewinnzahlen niederschlagenden Erfolge im vergangenen Jahr, sondern stellt dem nüchternen Zahlenwerk eine Betrachtung über die innerbetrieblichen Voraussetzungen des unternehmerischen Erfolgs voran.

Die Erklärung für den Erfolg, heißt es dort, laute häufig: Erfindungsreichtum, Gespür für die Bedürfnisse der Kunden, Tüchtigkeit beim Verkauf und bei der Planung, ausgefeilte Managementtechniken. Doch alle diese Erklärungen seien selbst erklärungsbedürftig, da sie noch keine Antwort auf die Frage geben, warum Menschen kreativ sind, warum sie engagiert arbeiten. Am Beispiel einiger Arbeitsgruppen in der Produktion, im Kundendienst oder der Entwicklung versucht dann IBM eine Antwort auf die selbstgestellten Fragen zu geben.

Solche Fragen sollten auch andere Unternehmen an sich selbst richten – vor allem dann, wenn sie die begründete Vermutung haben, daß bei ihnen ein Defizit an Kreativität und Einsatzbereitschaft vorhanden sein könnte. Es wäre auch an der Zeit, daß die Gewerkschaften, statt sich, wie bisher gegenüber solchen Versuchen, nur in Verdächtigungen zu ergehen und alles zu negieren, was an neuen sozialen Initiativen aus dem Unternehmensbereich kommt – sei es die Gewinnbeteiligung der Arbeitnehmer, seien es Sozialbilanzen oder mehr Mitsprache am Arbeitsplatz –, sich endlich zu einer konstruktiven Zusammenarbeit mit den Unternehmern bereit finden, die nach neuen Wegen suchen.

Michael Jungblut