Die tschechische Schriftstellerin, und Dolmetscherin Denise Tomin (mit richtigem Namen Zdena Tominova) schrieb nach ihrer unerwarteten Kündigung an den Direktor des Prager Informationsdienstes PiS, Prag 1, Betlemske nám:

Prag, 12. Mai 1978

„Am 10. Mai 1978 haben Sie, Herr Direktor, den Arbeitsvertrag, der zwischen mir und dem Prager Informationsdienst am 2. Januar 1968 abgeschlossen wurde, gekündigt. Es war schon mein zweiter Vertrag, den ersten habe ich bereits im Jahre 1964 mit der Dolmetscherabteilung PiS unterschrieben. So haben Sie mit einem energischen Federstrich meine vierzehnjährige Zusammenarbeit mit Ihrem Unternehmen, genauer gesagt vierzehn Jahre des Simultandolmetschens für den Prager Informationsdienst, beendet.

Ich kann Sie nicht vor das Arbeitsgericht rufen, wenn ich auch wollte. Was macht es schon, daß ich vom Lohn für diese Arbeit meine vierköpfige Familie ernährte? Was macht es, daß ich gut und hochqualifiziert arbeitete? Was macht es, daß ich Simultandolmetscher auf fachwissenschaftlichen und technischen Konferenzen war? Was macht es, daß es für die Kombination russisch-deutsch in beiden Richtungen, wie sie für die Fachberatungen der Arbeitsgruppen des Comecon so erforderlich ist, in Ihrem Unternehmen 4, in Worten: vier Leute gibt?

Sie haben, so setze ich voraus, eine Weisung erhalten und das Arbeitsgesetzbuch auf Ihrer Seite: Ein freiberuflicher Arbeitsvertrag kann ohne Begründung von beiden Vertragspartnern gekündigt werden. Also prozessieren kann ich mit Ihnen nicht. Ich kann aber auch nicht Ihr Verhalten schweigend hinnehmen, nur ja kein Wort über irgendwelche politischen Gründe zu verlieren, die vielleicht zu dieser jähzornigen und kompromißlosen Kündigung geführt haben. Obwohl mein Vertrag erst nach der Kündigungsfrist, das heißt erst am 30. Juni endet, darf ich in diesem Monat nicht mehr auf den mir vorher angesagten Konferenzen dolmetschen. Im Volksmund nennt man das einen Fußtritt.

Ich will nicht an diesem allgemeinen Gaukelspiel teilhaben, daß bei uns kein Bürger wegen seiner politischen Gesinnung entlassen oder verfolgt wird. Unbequeme Bürger auf. stille Weise ausschalten ohne unnötiges politisches Geschrei, das uns ja viele übelnehmen könnten – so lautet ungefähr die Devise im Verfahren gegen; Andersdenkende oder auch nur, und das ist meistens der Fall, ehrliche, unbestechliche Bürger dieses Staates. In der ‚Volkssprache‘, auf der Ebene der Kreisfunktionäre der Partei, hieße es etwa so: Die ziehen ja von hier weg, wenn sie Hunger haben; als Emigranten im Ausland werden die uns nicht mehr so schaden können; und dann können sich die Handels- und Wirtschaftsbeziehungen erfreulich entwickeln, ohne daß irgendwelche Menschenrechte’ im Wege stehen. Wer möchte sich nicht bald einen Mercedes oder eine Sitzgruppe in Plüsch aus der Bundesrepublik für annehmbares Geld kaufen können?

Fürchten Sie, daß ich übertreibe? Einer von meinen Freunden, Vater von sieben Kindern, wurde unlängst als Psychologe entlassen; kaum hatte er eine neue Stelle als Nachtwächter gefunden, wurde er flott wieder entlassen; seine Frau und eine Tochter verloren ihre Beschäftigung als Putzfrauen in einer Prager Institution. Nach Zahl der Kinder in dieser Familie ist dies ein Fall, der zum Himmel schreit. Ich kann Sie jedoch versichern, daß es von ähnlichen Fällen Hunderte gibt.