Sie sprechen kein Englisch, dafür überreichen sie ihrem Gegenüber – lächelnd und in ständiger Verbeugung – Visitenkarten.Auf der einen Seite steht ihr Name in lateinischen Buchstaben, auf der anderen in japanischen Schriftzeichen, neben diesen ein Bildchen: Ein freistehender Bogen aus Beton. In der Ferne die ausgebrannte Kuppel eines Doms. Links und rechts Bäume und ein paar Hochhäuser: Das neue Hiroshima. Die Menschen, deren Namen auf den Karten stehen, haben die Stadt vor 33 Jahren als schwarze Wüste gesehen.

70 Überlebende von Hiroshima und Nagasaki sind unter den 500 Mitgliedern einer japanischen Delegation, die zur Beobachtung der außerordentlichen UNO-Vollversammlung zur Abrüstung nach New York gekommen sind. In Publikationen und Flugblättern, die sie bei einer Demonstration verteilen, besteht ihr Legitimationsausweis in der Zahl der Kilometer, die sie am Tag X vom Epizentrum entfernt waren: nur 1,5, 2, 4 Kilometer trennten sie von dem Horror, sie haben überlebt, aber sie erzählen dennoch von einem verlorenen Leben: 33 Jahre Krankheit, wirtschaftliche Not, psychische Wunden. „Die Bilder“, sagt Tremuri Tanaka, der damals erst 13 Jahre alt war, „die bleiben.“

Es sind Bilder von verkohlter Stadtlandschaft und schwarzem Regen, von Toten, die zu Hunderten die Flüsse hinabtrieben, von Ufern, die tagelang als Krematorien dienten, von Sterbenden, die nach Wasser schrien und Müttern, die tote Babys auf dem Arm hielten, als könnten sie noch etwas für sie tun. Vielen hing die Haut in Fetzen vom Leib, welchem Geschlecht sie angehörten, war nicht mehr zu erkennen, Leiden, mit Worten kaum beschreibbar, und doch seit mehr als dreißig Jahren immer wieder erzählt.

Misao Soda erzählt der Dolmetscherin, wie sie den 6. April erlebte. Mit ihren fünf Kindern war sie nach Bombenwarnungen in das Haus von Verwandten am Rande der Stadt geflohen. Ihr Mann war Zahnarzt und mußte in der Stadt bleiben, weil er einem Erste-Hilfe-Team angehörte. Um 8.30 Uhr – sie hatte gerade das Baby hochgenommen – geschah es. Gleißende Helligkeit, dann der Explosionsknall. Alle Kinder überlebten, aber von ihrem Mann fand sie später nur noch Knochen.

Hideo Sugiyama hat um sich Häuser und Bäume in Flammen aufgehen sehen. Acht Menschen waren in seinem Haus, er überlebte als einziger. Noch heute leidet er, wie viele andere Opfer, unter Anämie, Schwindelanfällen, häufigem Fieber. So viele meiner Freunde sind umgekommen“, sagt er, „ich halte es für meine Pflicht, für Abrüstung zu kämpfen.“

Die Hibakusha, wie die rund 360.000 Opfer der Atombomben in Japan heißen, haben sich zusammengeschlossen. Es ist eine Bewegung, die nicht wachsen will, ihr Kampf für Abrüstung ist ein Kampf gegen neue Mitglieder. Bisher haben sie eine Runde nach der anderen verloren. Die atomare Sprengkraft aller existierenden Nuklearwaffen ist heute viermillionenmal so groß wie die von Hiroshima, und die Entwicklung der Neutronenbombe hat nirgendwo solches Entsetzen ausgelöst, wie unter den Kaum-Überlebenden der ersten Atomkatastrophe.

„Abschreckung, Sicherheitsbedürfnis“, kommentiert Koichi Saito die Rede von US-Vizepräsident Mondale zum Auftakt der UNO-Konferenz, „das sind alles vorgeschobene Gründe. Wir appellieren an die Welt, für die totale Abschaffung von Atomwaffen einzutreten.“

Ihm und den anderen Atomopfern, die mit großen Erwartungen in das Land gereist sind, das die Bombe warf, ist schwer etwas zu entgegnen. In ihrem Gepäck befinden sich 17 Millionen Unterschriften unter einer Petition.