Nun beraten sie wieder – und das einen vollen Monat lang. Ursprünglich sollte die sommerliche Vakanz schon am 17. Juni beginnen. Weil aber die CDU im Frühherbst Zeit für ihren Parteitag braucht, ist das parlamentarische Finale auf nicht weniger als vier Wochen verlängert worden – ein Marathon, dem man nur mit gemischten Gefühlen gegenüberstehen kann.

Gemischt deshalb, weil die Bonner Gesellschaft, die Abgeordneten einbezogen, eine geschlossene Gesellschaft ist, die wenig Auslauf in andere Gefilde sucht und findet. Unaufhörlich um sich selbst kreisend, geht sie sich auch selbst auf die Nerven.

Da mag man sich dann bald nicht mehr sehen. Je länger eine parlamentarische Session dauert, desto größer wird die Gereiztheit. Schon jetzt läßt sich deshalb absehen, mit welchem Stoßseufzer der Erleichterung die Abgeordneten in vier Wochen ihr Bonner Kreuz abwerfen und der ungeliebten Hauptstadt fluchtartig den Rücken kehren werden.

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In der explosiven Mischung aus Selbstbezogenheit und Arbeitsüberlastung ist überdies für Funkenflug gesorgt. Zwar stehen auf der eigentlichen parlamentarischen Tagesordnung als größere Punkte einstweilen nur die Verschärfung der Fusionskontrolle durch das Kartellgesetz und das Staatshaftungsrecht für bürokratische Fehlleistungen. Aber einige heftige Stichflammen verspricht der fällige Höcherl-Bericht über die Pannen bei der Fahndung nach den Schleyer-Terroristen auszulösen, zumal um Innenminister Maihofer schon anderer neuer Zunder angehäuft worden ist. Ebenso ist der bevorstehende Bericht des Verteidigungsausschusses über seine Befunde in der Spionagesache Lutze noch für etliche Scharmützel gut.

Nicht zu reden von den Wahlen in Hamburg und Niedersachsen. Wie immer sie ausgehen werden, das vollzählig versammelte Bonn bildet für ihre Ergebnisse einen vielhundertfachen Resonanzboden, so daß die politischen Dirigenten womöglich alle Hände voll zu tun haben werden, um unerwünschte Mißklänge zu vermeiden.

Am kommenden Dienstag werden die „Leverkusener“, die „Linken“ in der SPD-Fraktion, zum erstenmal in Bonn ein Sommerfest feiern. Obwohl sie das Gegenteil versichern, so steckt darin auch eine kleine politische Demonstration, nämlich die Absicht, jenes Terrain, wo sich Geselligkeit und Politik vermischen, nicht länger allein den „Kanalarbeitern“, den „Rechten“ in der Fraktion zu überlassen.