SHOCK ist ein Kartenspiel in der intellektuellen Preislage von Schnipp-Schnapp. Doch während hier nur deckungsgleiche Kärtchen erkannt und geschnappt werden müssen, sind dort sinngemäß zusammenpassende Bilder zu erkennen. Dem Briefträger steht also der Brief zu, das Mädchen bekommt die Rose, die ballspielenden Kinder werden mit Bonbons bedacht, während es für den guten Freund nur zum Handschlag reicht. Der Gendarm schließlich will den Ausweis sehen.

Soweit, so harmlos. Doch drei Finsterlinge sind noch da, durch ihre Sonnenbrillen und hochgezogenen Schultern schnell als Gangstergang zu identifizieren. Vor der Bank steht der dazugehörige Räuber. Und dann wird es ganz kindgerecht: Ein Geiselgangster hält einem kleinen blonden Mädchen die Pistole an die Schläfe. Um mit diesen Gangstern fertig zu werden, wird nicht der Polizist eingeschaltet. Nein, das Raub- und Mordgesindel wird im Do-it-yourself-Verfahren gekillt. Und zwar mit einem Maschinengewehr und/oder einer Pistole.

Die Personenkarten werden gemischt verdeckt auf den Tisch gelegt. Die beiden Spieler haben die Waffen in der Hand, wobei Rose, Bonbon, Brief, Handschlag und Paß als Waffe gelten. Aber das ist sicher nur eine Definitionsfrage. Ein dritter Spieler deckt nun eine Karte vom Talon ab und legt sie offen auf den Tisch. Aus dem logistischen Handvorrat ist nun die passende Waffe zu holen. Wer die Karte schneller präsentiert, darf die zugehörige „Zielkarte“ (Ausdruck aus der Spielregel) einstreichen. Nächster Waffengang.

Nun passiert nicht viel, wenn man dem Mädchen einen Brief präsentiert oder den Polizisten mit einem Röschen garniert. Aber der Geiselgangster ist nicht mit Bonbons abzuspeisen. Im Gegenteil, das wäre bereits ein „tödlicher Fehler“. Wer auf die Gangster nur mit der Pistole, statt mit dem Maschinengewehr losgeht, scheidet aus, denn mit dem Revolver würde man nur einen treffen. Dann sind die anderen an der Reihe. Mit der Automatikwaffe gegen den Kidnapper anzugehen, ist aber ebenso verpönt; man könnte ja das Kind umlegen. Nur beim Bankräuber sind alle Mittel, sprich Waffen erlaubt. Wer also die falsche Waffe im Anschlag hat oder gar damit auf die übrigen Zielpersonen losgeht, zeigt kriminalistisches oder soziales Fehlverhalten und scheidet aus.

Wäre ich nur ein Normalvater, so hätte ich das Spiel vermutlich den Kindern nicht in die Hand gegeben. Die spielerische Verharmlosung von Bedrohung und Tod kann gefährlich sein. Doch ich bin leider kein Normalvater, sondern ich muß ständig Spiele ausprobieren. Ich überließ also die Söhne mit dem SHOCK längere Zeit sich selbst. Sie spielen es ausgesprochen gerne, und zwar nicht als Peng-Peng, sondern als reines Zuordnungsspiel. Offensichtlich denken Kinder stärker in Bildern als in Begriffen und Inhalten, wie wir Erwachsenen. Wie beim Schnipp-Schnapp die Übereinstimmung blitzschnell erkannt werden muß, so ist hier eine Koordination zu treffen. Der Symbolismus wird von einer bilderlottohaften, optischen Zusammengehörigkeit überlagert.

Fragt man sich natürlich, ob dann der ganze militante Firlefanz sein muß. Ein Reaktionsspiel, bei dem richtige Zuordnungen unter dem Konkurrenzdruck des Wettbewerbs getroffen werden müssen, ist ja im Grunde ein brauchbares Spiel. Aber kann man denn nicht auch einem fetten Karpfen einen Dorfweiher, einer Forelle einen plätschernden Bach, einem Kabeljau die Nordsee zuordnen? Der Lerneffekt für das Umweltbewußtsein wäre sicher größer. Aber der spielerische SHOCK wäre kleiner.

Tom Werneck

SHOCK, Piatnik Wien, Vertrieb durch F. X. Schmid, Postfach 326, 8000 München 2, 2 Personen + 1 (spielnotwendiger) Unparteiischer zum Kartenaufdecken, Spieldauer etwa 5 Min.; unverb. Preisempf. 9,85 DM.