Von Ulrich Kaiser

Buenos Aires Ende Mai

Der Kollege vom Fernsehen, zu dem sie alle Charly sagen, war früher schon einmal hier und sagte, daß er eine wunderbare Kneipe wüßte – nur ein paar Schritte weiter. Am Eingang zu der Straße stand ein grüner Wagen, aus dem ein paar Polizisten gerade sehr behutsam irgend etwas heraushoben und auf den Asphalt stellten. Zwei Polizisten kamen entgegen und riefen, daß man hier nicht vorbeigehen könne. Wir nahmen die Parallelstraße und waren uns einig, daß wir zu Hause den Polizisten nach dem Grund der Sperre gefragt hätten – hier hatten wir uns nicht getraut. Wir gingen ein paar Blocks weiter und erreichten jene Kneipe von der anderen Seite. Früher, so sagte Charly, sei das eine ziemlich linke Kneipe gewesen, die immer überwacht wurde. Inzwischen seien dort einfach nur noch junge Leute, die einen trinken gehen, Erdnüsse knabbern und laut miteinander reden. Die Kneipe heißt Barbaro und besitzt in der Tat eine Theke, an die man sich lehnen kann. Im Kohlenpott gibt es so etwas an jeder Ecke.

Charly bestellte die erste Lage. Als der Wirt die Gläser hinstellte, explodierte irgend etwas. Der Knall kam aus jener Richtung der Straße, wo wir vorher die Polizisten an dem Wagen gesehen hatten. Für einen Moment war es plötzlich still in der Kneipe, alle blickten sich an und alle hatten den gleichen Gesichtsausdruck. Eine Gruppe junger Leute, die gerade das Lokal verlassen wollten, drängte wieder zurück und setzte sich an den eben verlassenen Tisch. Nach einer Minute war der Geräuschpegel wieder so hoch wie zuvor. Wir mimten Unbefangenheit. Und eine Viertelstunde später fuhren die Autos auch wieder vorbei.

Natürlich weiß einer, der gerade ein. paar Tage in Buenos Aires ist, nicht, ob er etwas Außergewöhnliches erlebte, oder ob es alltäglich war. In die Tiefgarage unter dem Pressezentrum, wo vor drei Wochen ein Polizist getötet wurde, darf man nicht mehr hinunter, Ein Anstreicher besserte gerade die lädierten Wände aus – die Spuren der Explosion verschwanden unter der Farbe. Oben fragt einer, ob es wahr sei, daß die argentinische Mannschaftsleitung sieben Tage vorher ein schriftliches Gesuch haben wolle, wenn sie ein Interview gewährt. Und man hält dieses Ansinnen für so wichtig, daß man eine halbstündige Diskussion darauf verwendet.

Sie feierten an diesem Tag die 168. Wiederkehr des Tages der Mai-Revolution. Vor dem Palast standen sie in ihren schmucken Uniformen – ein bißchen belächelnswerte Zinnsoldaten, ein bißchen horse guard wie vom Buckingham Palace. Nach der Nationalhymne marschierten vielleicht hundert Frauen auf vor dem großen Blumenbeet am Regierungspalast. Manche weinten. Sie fragten nach Söhnen, Vätern und Männern. Die Kapelle spielte inzwischen eine Art Walzer.

Das argentinische Tageblatt zitierte am nächsten Tag ein Gespräch mit Innenminister General Albano Harguindeguy: „Tragischerweise waren Tote und Tausende von Verschollenen unvermeidlich, aber die subversiven Gruppen sind schließlich besiegt worden.“ Der Minister ist weiter der Meinung, daß die Spiele der Fußballweltmeisterschaft in „voller Ordnung durchgeführt werden, weil wir die Augen weit offen haben“. Er sagt auch: „Wir befinden uns im Krieg!“