Als vor sieben Jahren die Hausfrau und Sekretärin Hannelore Winter aus Düsseldorf in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank gewählt wurde, entrüstete sich Kleinaktionär Erich Nold: „Ich bin entsetzt über diesen Vorschlag. Dieser Sturz die Treppe hinauf führt zu Dingen, die ich nicht aussprechen kann.“ Hannelore Winter gehört neben dem Wirtschaftsjournalisten Kurt Döring, der bei der Preussag im Aufsichtsrat ist, zu den wenigen Außenseitern in deutschen Aufsichtsräten.

In den Vereinigten Staaten sitzen dagegen nach einer Studie des Wirtschafts-Magazins Fortune in den Boards der 500 größten Unternehmen 413 Außenseiter, die von Berufs wegen nicht im Big Business zu Hause sind: Hausfrauen, Wissenschaftler, Studenten, Präsidenten von Stiftungen, Vertreter von Interessengruppen.

Vernon Jordan zum Beispiel, Aufsichtsrat bei American Express, Bankers Trust und der zweitgrößten amerikanischen Einzelhandelskette J. C. Penney, ist der Führer einer einflußreichen schwarzen Bürgerrechtsbewegung, der National Urban League. Susan Hails, eine 27jährige Doktorandin der Temple Universität in Philadelphia, finanziert sich ihr Studium mit einem Aufsichtsratsposten bei der First Pennsylvania Bank. Dafür, daß sie einmal im Monat an der Sitzung des Board teilnimmt, zahlt man ihr ein Tagesgeld von 250 Dollar und eine Jahrespauschale von 4800 Dollar.

Dem New Yorker Korrespondenten der Londoner Financial Times erklärte ein Bankmanager die Berufung von Studenten damit, daß im obersten Aufsichtsorgan auch die Kunden repräsentiert sein sollten.

Auch andere große Aktiengesellschaften in den USA wollen der Öffentlichkeit eine Chance geben, sich zu informieren, die Macht des Unternehmens zu kontrollieren oder ihr zumindest das Gefühl einer Mitbestimmung zu geben. Einer der Gründe für die Bereitschaft: Das Vertrauen der Amerikaner zu den Bossen hat in den letzten Jahren drastisch nachgelassen. Laut Meinungsumfrage hielten 1968 noch siebzig Prozent, heute dagegen nur 15 Prozent der Befragten die Spitzenmanager für vertrauenswürdig. Daß bei mehr als dreihundert Firmen Bestechungsaffären oder zwielichtige Zahlungen an Geschäftsfreunde in Übersee aufgedeckt wurden, daß im eigenen Land immer häufiger illegale Unterstützung politischer Gruppen bekannt wurde und zahlreiche Unternehmen von den Gerichten für die Lieferung minderwertiger Produkte haftbar gemacht wurden, hat die Öffentlichkeit mißtrauisch gemacht.

In den USA wurde daher der Ruf nach einer Mitsprache der Verbraucher in den Aufsichtsräten immer lauter. Eifrigster Verfechter einer „öffentlichen Mitbestimmung“ ist Harold Williams, der Leiter der amerikanischen Börsenaufsieht, der Securities and Exchange Commission. Er fordert sogar eine Mehrheit unabhängiger Direktoren oder zumindest unabhängige Beratungskomitees, die die Interessen der Öffentlichkeit und der Verbraucher vertreten. Die Außenseiter-Aufsichtsräte müßten versuchen, ein Bindeglied zwischen Unternehmen und Gesellschaft zu bilden und einen Ausgleich zwischen kurzfristigen kommerziellen und langfristigen sozialen Zielen herbeizuführen.

In europäischen Verwaltungsräten sitzen nur in Ausnahmefällen Vertreter der Öffentlichkeit. In der Bundesrepublik in einigen öffentlich-rechtlichen Unternehmen, bei schwedischen Banken Delegierte des Staates. Einige britische Unternehmen leisten sich unabhängige Beraterkomitees. Dietrich Kurrer vom Europäischen Verbraucherbüro in Brüssel weiß nur zu berichten, daß man dort schon einmal „den Gedanken der Verbrauchermitbestimmung diskutiert“ habe. In der Bundesrepublik wäre eine solche Diskussion ohnehin rein akademisch, da die deutschen Aufsichtsräte durch die Mitbestimmung in zwei gleichstarke Lager gespalten wurden. Ein „parteiloser“ Öffentlichkeitsvertreter als Zünglein an der Waage würde in dieses System nicht passen. iml