Ulm-Bernstadt

Mit Äxten und Sägen zerstörten die evangelischen Kirchengemeinderäte von Bernstadt bei Ulm in schweißtreibender Arbeit einen Raum, der schon seit Jahren ein beliebter Treffpunkt für die Gemeindejugend gewesen war. Der Fußboden wurde aufgehackt, die Fensterkreuze wurden herausgerissen und das zum Teil von den Jugendlichen selbstgebastelte Mobiliar kurz und klein geschlagen. Bei diesem Akt von Vandalentum handelte es sich um einen hochoffiziellen, mit knapper Mehrheit gefaßten Beschluß des kirchlichen Gremiums.

Angeblich wollte man verhindern, daß in dem Gebäude, das die Kirchengemeinde vor langer Zeit erworben hatte, jemand zu Sehaden käme. Das Haus sei baufällig, hieß es, doch das überzeugte nur wenige Bürger in der kleinen Bauerngemeinde. Sie wissen, daß im ersten Stock ein achtzigjähriger Mann lebt. Ihm hat die ;,Baufälligkeit“ offensichtlich nicht geschadet.

Die Bernstadter Jugendlichen hatten sich im Erdgeschoß eine Art Jugendtreff eingerichtet. Und wenn sie gelegentlich feierten, konnte es schon mal passieren, daß einer mehr trank, als er vertrug – ein, Ausrutscher bei objektiver Beurteilung. Doch die strengen Pietisten unter den Kirchengemeinderäten fürchteten um Anstand und Sitte im Dorf. Sie nannten den Jugendtreff „Sündenpfuhl“ und „Puff“ und machten monatelang Front gegen die mißliebige Einrichtung. Sie empörten sich gar darüber, daß „sogar Neger“ den Treff besucht hätten.

Eltern, deren Kinder hin und wieder im Jugendtreff zu Gast gewesen waren, versicherten, es sei dort nicht halb so schlimm zugegangen, wie von einigen Mitgliedern des kirchlichen Gremiums behauptet werde. Aber offenbar schenkte man den Eltern keinen Glauben, sonst wäre es zu dem spektakulären Ereignis niemals gekommen.

Es ist bezeichnend für die Denkweise des Kirchengemeinderats, daß er vor dem Demolieren der Räume mit den Jugendlichen keinen Kontakt aufgenommen hat. Und die Formulierung, die im örtlichen Mitteilungsblatt veröffentlicht wurde, klingt wie glatter Hohn: „Der Kirchengemeinderat hofft, daß dieser Beschluß (gemeint ist die Zerstörung) nicht als generelle Absage gegenüber den Anliegen und Bedürfnissen der Jugend verstanden wird.“

Für ihre Tat erhielten die Christenmenschen wenig Beifall. Die meisten in dem 1600-Seelen-Dorf schämen sich eher für ihre Kirchengemeinderäte. Die Jugendlichen sahen dem zerstörerischen Werk zähneknirschend zu und brachten anschließend einen „Nachruf“ auf den Jugendtreff im gemeindeeigenen Anzeiger: Die Kirchengemeinderäte hätten üble Gerüchte verbreitet, ohne sich selbst vom Wahrheitsgehalt der gegen den Jugendtreff vorgebrachten Vorwürfe zu überzeugen. Die Enttäuschung und Verbitterung unter den Bernstadter Jugendlichen über das unglaubliche Vorgehen des Kirchengemeinderates ist um so größer und verständlicher, als der jetzt zerstörte Raum der einzige Jugendtreffpunkt in dem Dorf war.

Vor den Kopf gestoßen fühlen sich auch Mitglieder der Evangelischen Kirche, die ihre Jugendarbeit erst vor wenigen Wochen in Bernstadt begonnen hatten. Und der Dekan in Ulm fordert – bisher allerdings vergeblich – ein nachträgliches Gespräch zwischen dem Kirchengemeinderat und den Jugendlichen. Helmut Groß