Von Ernst Tugendhat

Gewöhnlich sind Thesen Meinungen, so vorgetragen, daß sie zur argumentativen Kontroverse einladen. Aber die neun Thesen, die den Mut zur Erziehung wieder herstellen wollen, verkünden eine frohe Botschaft, evidente Wahrheiten, die jeder einsehen können soll, der nicht böswillig oder ideologisch indoktriniert ist.

Die 1. These beginnt mit dem Satz: „Wir wenden uns gegen den Irrtum, die Mündigkeit, zu der die Schule erziehen soll, läge im Ideal einer Zukunftsgesellschaft vollkommener Befreiung aus allen herkunftsbedingten Lebensverhältnissen.“

Man kann scheinbar nur zustimmen. Denn zweifellos ist es absurd zu meinen, Mündigkeit bestehe in der Herstellung einer tabula rasa, eines Nichts. Aber man wird auch fragen dürfen: gegen wen wenden sich die Autoren eigentlich? Der Gegner wird, wie auch in den weiteren Thesen, im Nebel gelassen. So läßt sich besser überzeugen. Gibt es denn überhaupt pädagogischpolitische Konzeptionen, die die „vollkommene Befreiung aus allen herkunftsbedingten Lebensverhältnissen“ zum Selbstzweck machen?

Über den Sinn von „Mündigkeit“ sollte man sich seit Kants „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ (1784) nicht mehr streiten können. Kant definiert Mündigkeit als das Vermögen, „sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“. Ein solcher Verstandesgebrauch impliziert, daß man „herkunftsbedingte Lebensverhältnisse“ mit Bezug auf ihre Vernünftigkeit – und das heißt zugleich: mit Bezug auf ihre Gerechtigkeit – prüft. Nur insoweit die Verhältnisse diesem Kriterium nicht entsprechen, muß der Mündige eine Veränderung fordern. Daß die Autoren dieses positive Kriterium übersehen, das alle auf Veränderung ausgerichteten politischen Konzeptionen – ob im einzelnen zu rechtfertigen oder nicht – im Auge haben, gründet offenbar darin, daß sie ihrerseits die Bewahrung des Vorgegebenen zum Selbstzweck erheben. Das wäre jedoch eine vernunftfeindliche, im strikten Sinn irrationale Position, es sei denn, man sagt mit Hegel : „Was vernünftig ist, das ist des Neuhegelianers Joachim Ritter, dessen Begrifflichkeit auch in diesen Thesen wiederzufinden ist. Hegel hat in dem zitierten Satz den Sinn von „Vernunft“ in sein Gegenteil pervertiert. Man braucht sich jedoch nicht um das Wort „Vernunft“ zu streiten. Klar ist jedenfalls, was gemeint ist: das Vorgegebene ist, weil es vorgegeben ist, gut; man lebe angepaßt! Pädagogisch gewendet: Es ist Aufgabe der Schule, zur Anpassung an das Bestehende zu erziehen.

Hang zum Autoritären

Man wird zögern, den Autoren der neun Thesen solche Vernunftfeindlichkeit zu unterstellen. Aber im folgenden Satz bestätigen sie, ein wenig verklausuliert, gewiß, die eben gegebene Interpretation. „In Wahrheit“ – der 2. Satz jeder der neun Thesen beginnt mit dieser Versicherung, daß hier ex cathedra gesprochen wird – „ist die Mündigkeit, die die Schule unter jeweils gegebenen Herkunftsverhältnissen einzig fördern kann, die Mündigkeit derer, die der Autorität des Lehrers schließlich entwachsen sind.“