Tschüß, Hamlet!

Peinlich: ausgerechnet dem feinen Thalia Theater muß solcher Mangel an Höflichkeit passieren. Das Programmheft zu "Bearbeitung" und Inszenierung von "Hamlet" durch Hans Neuenfels am Hamburger Thalia Theater unterschlägt den Namen des klügsten Schauspielers – Klaus Maria Brandauer. Der ist, gleich in der ersten Probenwoche, vor diesem "Hamlet" geflohen. Der Rest ist Schreien.

Neuenfels macht seinem Ruf auch in Hamburg Ehre: Alles mal anders. Dabei empfiehlt es sich, nichts auf möglichen Sinn zu befragen. Der Regisseur hat in einer Aufführung, die sich von "Einfall" zu "Einfall" hangelt, zwar nichts zu sagen, dies aber vier Stunden lang.

Da tritt die Königin auf und trällert wie im Operetten-Wunschkonzert: "Schenkt man sich Rosen in Tirol..." Auch den "Schauspielern" im Schauspiel sind die Gepflogenheiten des Musiktheaters nicht fremd: Sie erfrischen uns – am Premierenabend war es gewittrig schwül – mit der weihnächtlichen Musik-Einlage: "Leise rieselt der Schnee." Boy Goberts Thalia-Tempel macht dem am ändern Ufer der Alster gelegenen Operri-Odeon des Christoph von Dohnanyi Konkurrenz, wenn ein ganzer Kinderchor von Werwölfen, lange Blondhaar-Perücken über schwarzen Schüler-Schürzen, mit Musketen ins Feld zieht, auf den Lippen das Lied: "Hänschen klein/ geht allein / in die weite Welt hinein..." Da mag der Darsteller der Titelrolle auch nicht nur schreien. Unter das Nachthemd der Mutter kriechend, gibt auch er sein Debüt als Sänger mit der volkstümlichen Weise: "Schlaf, Kindchen, schlaf!" Ist es auch Schwachsinn, hat es doch Methode.

Hans Neuenfels am Thalia – bis gestern war das: Die Faust aufs Auge. Wenn Peter Zadek (allerdings: im Schauspielhaus) die Hamburger mit "Othello" und seinem (Bochumer) "Hamlet" schockiert; wenn George Tabori mit einem psychoanalytisch zirzensischen "Hamlet" das Publikum in Bremen und München verstört oder verzückt, können wir das auch, sagte man sich wohl am Thalia Theater. Zwar ist dort das Publikum auf Experimente wenig vorbereitet, aber anfangen muß man ja mal. Neuenfels schien für eine Geschwind-Kur in "modernem" Theater der richtige Mann.

Jetzt zeigen uns Neuenfels (und seine dramaturgische Mitarbeiterin Natalja Struve), wo’s im Theater lang geht. Sie motzen die Schlegelsche Übersetzung mit modischen Floskeln auf ("Ihr nervt mich"; "Tschüß!"), stellen Szenen um, streichen Figuren (Totengräber, Osrick) führen andere ein, machen aus Monologen Zwiegespräche: "Hamlet", ein Puzzle.

Auch in Goberts Musentempel darf nun das (nicht Original-Shakespeare-)Wort "ficken" ausgesprochen werden, doch gleich drauf verabschiedet sich der so rüde redende Prinz vom Stiefvater mit den artigen Worten: "Die Mutter wartet mein." Solches Stolpern von einer Sprache in die andere und über Jahrhunderte hinweg bleibt ohne Erkenntnis für Figur oder Szene. Hamlet rauscht von der Bühne mit den Worten: "Die Zeit ist aus den Fugen" und donnert die Tür ins Schloß. Den Nachsatz: "Weh mir, daß ich geboren bin, sie wieder einzurenken", darf er in Hamburg nicht sagen. Aber erst diese Klage macht aus einer banalen Einsicht in die gebrechliche Welt etwas für Charakterisierung der Figur und für die Szene Wichtiges.

Darf man so mit einer "Bearbeitung" argumentieren, die selber keine Argumente hat, sondern nur einen Rosenkranz von "Gags" herbetet? Wenn der Geist von Hamlets Vater erscheint, geht im Zuschauerraum das Licht an. Aha, das gab’s bisher noch nicht. Auftritt eines Toten aus den Reihen der wie tot sitzenden Zuschauer? Hamlet und seine Begleiter starren zwar gebannt in den Saal, doch dann tappert der Geist (ein alter Mann in Plastik-Windelhöschen und mit weißem Blindenstock) auf die Bühne wie andernorts auch: durch die Kulissen. Und da geht diesem Einfall und dem Saal das Licht wieder aus. Später suchen Hamlet und seine Nachtwächter den in der Erde rumorenden, im Grab rotierenden König, den sie gut shakespearisch "Maulwurf" nennen, nicht unter ihren Füßen, sondern über ihren Häuptern. Aber auch jetzt offenbart sich der Geist nicht etwa als Fledermaus-Vampir, sondern schleicht durch die schwarzen Vorhänge, mit denen Karl Kneidl die Bühne verhängt. Der "Geist" ist in Begleitung zweier halbnackter Leichen aus der Unterwelt, die einen Tisch mit Wein und Gläsern hereintragen. Die Sklaven krümmen den Rücken dekorativ als menschliche Sitzmöbel für Hamlet sen. & Hamlet jun., die sich niederlassen und einander zuprosten.

Tschüß, Hamlet!

Friedrich Karl Praetorius sieht als Hamlet aus wie Struwwelpeter. Schulterlanges, blondes Lockenhaar hängt ihm vom meistens absichtsvoll blöd blickenden Haupt. Im hohen, gepreßt greinenden Kinder-Singsang des Barmbeker Dialekts sagt er seine Verse auf, die als Verse nicht mehr zu erkennen sind. Der Körper steckt in einem schwarzen Hemdkleid. Kniesocken rutschen an blassen Beinen: Hamlet, das daumenlutschende Einzelkind, das nicht erwachen will in die Erwachsenen-Welt. Nur langsam nimmt er seine Rolle als Prinz an: Nach der Begegnung mit dem toten Vater trägt er die Hosen der Mannbarkeit; aus der ihm vom Stiefvater gestellten Todesfalle der Englandreise kommt er kurzgeschoren zurück, männliche Mordwut in Blick und Stimme.

Nur mit einem Lendenschurz bekleidet stellt er sich dem tödlichen Zweikampf mit Laertes. In dem – gefährlichen – Duell, das allerdings der Fechtmeister Charles Lang einstudiert hat, wird die Aufführung, mit "echtem" Blut, für Augenblicke aufregend. Entkräftet sinkt der verletzte Hamlet in einen der beiden roten Kino-Klapp-Sessel, die den dänischen Thron bilden: Die Kraft zum Mord am Vatermörder hat dieser durch einen Ödipus-Komplex Versehrte Königssohn nicht mehr. Doch schon eilt die Mutter herbei, durch Gift im Wein erregt, entwindet Hamlet den Degen und metzelt in wilder Jagd und langem Kampf den Zweit-Gatten. Müde klatscht Hamlet der Mörder-Mutter Beifall.

Wie schön oder naiv oder schockierend oder lustig oder banal können szenische Augenblicke in Zadeks "Othello" und "Hamlet" oder bei Tabori sein, wenn Schauspieler(innen) ihren Körper zeigen. Auch wer sich empört, kann den Stellenwert solcher Szenen innerhalb einer Aufführung erkennen, die eine "hohe" Tragödie bewußt als Trivial-Geschichte oder als Alptraum erzählt.

Auch Neuenfels sieht, natürlich, die inzestuöse Mutterbindung Hamlets. Wie ein kleines Kind verkriecht er sich, in Embryo-Haltung, in das weite, weiße Gewand der auf dem Bett kauernden Mutter – die plötzlich, mit geweiteten Augen, schmerzlich lustvoll aufschreit. Dann geht das Licht aus. Und dann geht das Licht wieder an – und wir sehen Hamlet vor der aufgerichteten Mutter knien, deren entblößte Schenkel er mit einem Tuch trocknet. Und erst da wird die Inszenierung widerlich, schmierig im schielenden Kumpanen-Einverständnis mit einem Publikum, dem nichts – wenn schon: zugemutet, sondern zwinkernd angedeutet wird. Für die Erklärung der Szene bringt das Licht aus – Licht an und folgendes Gefummel nichts. Die Regression eines aus Angst vor dem Leben kindlich bleibenden Mannes in den Mutterschoß war ja vorher schon deutlich ins Bild gebracht. Obszön wäre nicht ein rüder Akt aus Angst, obszön ist kokettes Spiel mit Andeutungen – und die Verachtung der Zuschauer als "Voyeure".

Aber weshalb soll nicht die Zuschauer verachten, wer Shakespeares Text und Gestalten so wenig respektiert. Daß eine qualvolle Selbstbefragung wie: "Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage" nur als Selbstverhör Sinn gibt, leugnet ein Regisseur, der die Szene aus dem dramaturgischen Zusammenhang reißt und Hamlet sich bei diesen Worten; in die Arme des Horatio schmiegen heißt, der ständig die Worte wiederholt: "Schlafen! Schlafen! Vielleicht auch träumen!"

Obwohl er in Susanne Schweiger eine Schauspielerin hat, die auch den Wahnsinn der Ophelia spielen könnte, darf die junge Darstellerin, einem "Gag" zuliebe, nur die halbe Rolle spielen. Zur Darstellung des verrückt gewordenen Mädchens wird eigens eine siebenundsiebzigjährige Schauspielerin (Melanie Horeschovsky) engagiert, die mit rührendem Charme den poetischen Wahn eines jungen Mädchen spielt.

Erkenntnis? Gleich Null. Jetzt fehlt auch roch der Schock, daß aus einem äußerlich unveränderten, schönen Jungmädchen-Gesicht wirre Worte fallen. Aber Neuenfels meint: "Der Wahnsinn der Ophelia ist das ausgesparte Leben, der Sprung von Jugend ins Alter, zum Tod." Müßte bei solcher Art der Betrachtung nicht jede größere Rolle – nicht nur dieses Schauspiels – mit zwei oder mehreren Darstellern besetzt werden?

Und was ist mit den Kritikern von Neuenfels-Aufführungen? Wieviel "ausgespartes Leben" während vier langlanger Stunden, in denen man einem galoppierenden Alterungsprozeß (sprich: Langeweile) ausgesetzt wird. Aber daran denkt der Erfinder von Ophelia I und Ophelia II nicht. Ich muß diesen pubertären "Hamlet" allein absitzen. Mich hat nach der Pause niemand umbesetzt. Tschüß, Hamlet! Rolf Michaelis