Paris, Ende Mai

Der Aufmarsch der Vertreter von 21 afrikanischen Staaten in der Spiegelgalerie des Versailler Schlosses glich nach außen einer Schau im alten Kolonialstil. Doch hinter dem bunten Gepränge (Zaires Präsident Mobuto erschien in Kampfanzug und Schnürstiefeln) versteckte Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing französische Außenpolitik: Paris schwang sich vom Gendarmen des Schwarzen Kontinents zum unbestrittenen Protektor auf, ohne in den Geruch des Neokolonialismus zu kommen. Obwohl Giscard die Devise „Afrika den Afrikanern“ erneut proklamierte, kritisierte keiner der versammelten Politiker die Entsendung der Fremdenlegion in das ehemalige Katanga. Frankreichs Ansehen nach dem Eingreifen in Zaire, Mauretanien und Tschad ist bei den gemäßigten afrikanischen Staaten so gewachsen, daß der Präsident von Gabun gar vorschlug, Giscard solle für seine Friedensbemühungen mit dem Nobelpreis ausgezeichnet werden.

Eigentlich sollten auf der Tagesordnung des französisch-afrikanischen Gipfels vor allem Wirtschaftsfragen stehen. Doch schließlich ging es in erster Linie im Sicherheitsprobleme. Um das Wirtschaftswachstum in Afrika zu stützen, scheint Paris mehr denn je bereit, sich für die Stabilität der bestehenden Staaten zu engagieren. Giscard ließ keinen Zweifel daran, daß dies für ihn begrenzte militärische Aktionen einschließt. Sein Hauptargument: „Wir müssen uns dagegen wehren, daß die Blockpolitik Afrika verwüstet.“

In diesen Rahmen paßt die Diskussion über die Schaffung einer afrikanischen Interventionstruppe, die zumindest mit diskreter französischer Hilfe rechnen könnte. Mit diesem Instrument erhielte das Pariser Verlangen nach Einfluß in seinen ehemaligen Kolonien und nach einem Gegengewicht zu den Supermächten einen Anstrich, der auch für die Dritte Welt akzeptabler scheint.

Doch die Problematik französischer Afrikapolitik spiegelte sich gerade in der Diskussion der Interventionstruppe wider: Am Ende wurde lediglich der senegalesische Präsident mit einer Sondierungsmission betraut. Die afrikanischen Politiker mißtrauen sich untereinander, weil sie wissen, daß in manchem Land die Tage der Regierung ohnehin gezählt sind. Sie halten es aus guten Gründen nicht für ratsam, im Ernstfall mit ihren Soldaten Regierungen zu stützen, hinter denen zwar der französische Präsident, aber nicht die einheimische Bevölkerung steht. Aus diesem Dilemma weiß auch Paris keinen Ausweg. Der Schutz vor kubanischen Aggressoren wird stets Beifall finden. Doch was würden sich der Pariser Protektor und seine Schützlinge einfallen lassen, wenn etwa Präsident Mobuto eines Tages von seinen eigenen Truppen im Stich gelassen würde? Klaus-Peter Schmid