Von Thomas v. Randow

Der von den Unvorhersehbarkeiten des Schicksals geplagte Mensch neigt zum Aberglauben. Von jeher fällt es den Leuten schwer, sich damit abzufinden, daß wir heute nicht wissen, was uns morgen widerfährt, daß uns die geheimen Gedanken unserer Mitmenschen verborgen bleiben und daß wir die Natur mit ihren ehernen Gesetzen nicht austricksen können. Also gibt Homo sapiens die sapientia auf, wenn sie ihn allzusehr belastet, um an erlösende Märchen zu glauben. Warum auch nicht?

Doch so alt wie der Aberglaube ist die betrübliche Tatsache, daß sich Schwindler gerne seiner bedienen, um ihre Mitmenschen übers Ohr zu hauen – und das ist kriminell.

Darum müssen sich Polizisten und Gerichte mit dem Okkultismus herumschlagen, mit Spuk und Spökenkiekerei, mit Kartenschlägerinnen, Pendlern, Teufelsaustreibern, Wünschelrutengängern, Wunderheilern und Astrologen, die ihre Begnadung zu hohen Preisen vermarkten.

Diese leidige Pflicht rief in der vorigen Woche Fachleute der Kriminalistik und der Kriminologie zusammen. Auf Einladung der Deutschen Kriminologischen Gesellschaft trafen sich die Experten in Frankfurt am Main, um darüber zu beraten, wie dem dunklen Geschäft mit der Leichtgläubigkeit beizukommen sei.

Das ist schwer. Denn geleimte Wundergläubige wollen allzu oft aus Scham nicht zugeben, daß sie hereingelegt wurden. Mithin werden die Ockultbetrüger selten angezeigt. Auch ist nicht zu leugnen, daß der Glaube Berge versetzen kann, jedenfalls Problemberge, oder die Schmerzschwelle verschieben kann, weswegen – so die von dem weltbekannten Gerichtsmediziner Otto Prokop von – der Ost-Berliner Humboldt-Universität vorgetragene Meinung – zum Beispiel Akupunkteur Erfolge aufzuweisen haben.

Schließlich ist die Betrugsabsicht nicht immer deutlich. Dem „Entstrahler“, der behauptet, böse Erdstrahlen unschädlich machen zu können, wird ein Schuldbewußtsein nur schwer nachzuweisen sein, wenn er versichert, er selbst sei von der Wirksamkeit seines Hokuspokus fest überzeugt.