Die Einfalt seiner Funktionäre hat den Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH), dessen politisches Gewicht schön zuvor erheblich geringer war, als es die Riesenzahl seiner Mitglieder und die Pracht seines Bonner Verbands-Hauses vermuten lassen, noch ein wenig weiter ins politische Abseits gebracht. Denn anders als einfältig mag man es kaum noch nennen, wenn der Präsident der baden-württembergischen Handwerkskammern, Rudolf Ruf, zugleich im Namen des ZDH-Präsidenten Paul Schnitter und der Präsidenten der acht einzelnen baden-württembergischen Handwerkskammern – man beachte die bezeichnende Vielfalt der „Präsidenten“ – Titel –, dem schwäbischen Regierungschef Hans Filbinger mit einer Ehrenerklärung zu Hilfe eilt. Just so aber ist es geschehen: „Was die extremen Linken gegen Ihre Person inszenieren Und die Regie ist unverkennbar – ist jenseits von Fairneß und Anstand.“

Ruf und seine Getreuen verteidigen sich zwar mit dem Hinweis, sie hätten nicht als Handwerks-Präsidenten sondern als Privatleute gesprochen – er, Ruf, mithin als Karlsruher Glasermeister. Doch dieser Hinweis macht die kleinen Karos seiner Denkart – wie auch der Denkart mancher anderer Verbandspolitiker – nur noch deutlicher. Ruf und seine Kollegen mögen es nicht gelten lassen, daß sich Verbandspolitiker zu Belangen ihres fachlichen Interessenbereichs äußern, ansonsten aber den Mund halten sollten.

Es gibt durchaus Beispiele dafür, daß ein Verband in Lächerlichkeit und Bedeutungslosigkeit versinken kann, wenn er diese Regel der politischen Selbstbescheidung mißachtet. So gab es in Bonn einmal den Deutschen Gewerbeverband, der heute unter der Bezeichnung Bundesverband der Selbständigen dahinmickert. Dieser mitgliederstarke Verband überraschte in der Anfangsphase der sozial-liberalen Bonner Koalition gelegentlich mit Presseerklärungen, in denen er sich nicht nur zu allfälligen wirtschaftspolitischen Problemen äußerte, sondern gleich auch noch Willy Brandts und Egon Bahrs Deutschlandpolitik geißelte. Seitdem hat kaum noch jemand hingehört, wenn sich dieser Verband zu Wort meldete.

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Alle Jahre wieder, und so auch 1978, streiten sich die Bonner Parteien und die unterschiedlichen Interessentengruppen darüber, ob Selbständige und Beamte künftig eine Arbeitsmarkt-Abgabe zahlen sollten – eine Art von Pendant zum Arbeitslosenversicherungsbeitrag der Arbeitnehmer. Wie schon in den früheren Jahren sind die Sozialdemokraten und ein Teil der Unionsparteien dafür, die FDP aber dagegen. BundeswirtschaftsministerOtto Graf Lambsdorff beteuert, eine solche Abgabe werde es nicht geben. Bundesinnenminister Werner Maihofer hatte noch vor seinem Rücktritt für den Grafen eine gutachtliche Stellungnahme vorbereitet, wonach es verfassungswidrig sei, die sogenannten wohlerworbenen Rechte“ der Beamten anzutasten.

Arbeitsminister Herbert Ehrenberg wild deshalb weiterhin mit dem Mißstand leben müssen, daß Beamte wie Selbständige für ihre Kinder Berufsberatung bekommen, ihre Ehefrauen umschulen lassen und notfalls auch selbst einen neuen Beruf erlernen dürfen – alles auf Kosten einer Versicherungsgemeinschaft, der sie nicht angehören. Ohne Chancen dürften, wie Fachleute in den zuständigen Ministerien betonen, bis auf weiteres auch die beiden anderen Möglichkeiten sein, dieses Trittbrettfahrer-Problem zu lösen. Denkbar wäre es erstens, Leistungen an Beamte und Selbständige sowie ihre Familienangehörigen davon abhängig zu machen, daß diese erst einmal eine saftige Gebühr auf den Tresen ihres Arbeitsamtes hinblättern oder daß sie, zweitens, überhaupt keine Arbeitsamtsdienste mehr in Anspruch nehmen können. Doch der ersten Möglichkeit steht der Einwand entgegen, sie sei zu verwaltungsaufwendig, und bei der zweiten Möglichkeit sind wir schon wieder bei den „wohlerworbenen Rechten“.

So grenzte es denn fast schon an Leichenschändung, als sich, an diesem Mittwoch, der Bundesverband der Freien Berufe unter der Anführung seines Präsidenten Rolf Schlögell mit Verve gegen Ehrenbergs Abgabenpläne wandte. Der Verband führte unter anderem an, die Bundesregierung selbst habe in ihrem Arbeitsförderungs-Bericht festgestellt, daß Selbständige und Freiberufler von Segnungen der Arbeitsämter praktisch keinen Gebrauch machten. Freilich: dieser Bericht, auf den sich Schologell und sein Verbands-Geschäftsführer Dietrich-Wilhelm Rollmann, ein früherer CDU-Bundestagsabgeordneter, beriefen, datiert noch aus dem Jahre 1973. Vielleicht hat sich seitdem doch einiges geändert.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI),dessen neuer Präsident Nikolaus Fasolt derzeit gegen mancherlei persönliche Unbill anzukämpfen hat – die von ihm geführten Bonner Wessel-Werke, ein Unternehmen der keramischen Industrie, stehen im Moment nicht sonderlich gut da –, bekommt demnächst wenigstens ein stromlinienförmiges und besser handlungsfähiges Management. Bislang leistete sich der BDI den Luxus, gleich zwei Hauptgeschäftsführer – derzeit Siegfried Mann und Theodor Pieper – nebeneinander zu beschäftigen. Nun wird, im September, Pieper ausscheiden. Mann wird dann, für jedermann erkennbar, das sein; was er auch schön in den letzten Jahren war: der Mann, der beim BDI das Sagen hat. Dieter Piel