In ihrem neunten Jahrzehnt kam Hanna Hoch auch zu offiziellen Ehren. Nach der großen Retrospektive 1976 im „Musée d’Art Moderne de la Ville“ in Paris und in der Nationalgalerie Berlin verfiel der Berliner Senat auf die Idee, sie mit dem Titel eines Professors honoris causa auszuzeichnen. Hanna Hoch hat die akademische Würde ironisch quittiert: „Mein Garten wird sich freuen.“

In diesen Garten hat sie sich vor 40 Jahren zurückgezogen. 1939, als fast alle ihre Freunde aus Deutschland emigriert waren, kaufte sich Hanna Hoch ein früheres Wärterhaus am Eingang eines Flugplatzes aus dem Ersten Weltkrieg, in Heiligensee, am nördlichen Stadtrand von Berlin. Dort, wo keine Nachbarn sie und ihre künstlerische Vergangenheit kannten, hat sich die Dadaistin versteckt und mit sich Bilder, Briefe, Photographien ihrer Freunde, Dokumente von Hausmann, Schwitters, Arp, Max Ernst. Der Garten, Schutz und Gegenwelt, hat später die Besucher entzückt, denen die liebenswürdige Gastgeberin, je nach der Jahreszeit, Blumen und Früchte und Nüsse mitgab. Sie liebten das winklige Haus, dem Hanna Hoch noch zu ihrem achtzigsten Geburtstag einen Anbau spendierte, auf daß es alles fassen könne, was sie in Jahrzehnten gesammelt hatte: das waren neben Bildern und Collagen und raren Dada-Dokumenten auch ganz unbedeutende Dinge, zu denen sie Geschichten erzählte, vor allem kleine zierliche Gegenstände, denn Hanna Hoch war selbst sehr klein und zierlich. Dieses Ambiente aus Haus und Garten, Kultur und Natur, Kunst und Abfall, das da in Jahrzehnten um Hanna Hoch zusammengewachsen war, gleichsam nach dem assoziativen Prinzip der Collage, war Ausdruck der Isolation, auch ihrer Introvertiertheit und jener idée fixe, die Kurt Schwitters, den Freund an der Leine, vom Sammeln zum Merzbau trieb. Sicher nicht zufällig hat Hanna Hoch in Hannover Schwitters beim Merzbauen geholfen: zwei Grotten in der Waldhausenstraße hat sie geplant und ausgeführt (1922–1924).

In ihrem romantischen Abseits haben die Auguren des Kunstbetriebs die große alte Dame des Dadaismus auch nach dem Krieg lange Zeit übersehen. Noch 1960, in einem Gespräch mit Edouard Roditi, konstatiert Hanna Höch: „Sonst führe ich hier ein stilles Leben und bin es ganz zufrieden, von der Mehrzahl der bekannten Kritiker vergessen zu sein ... Nur wenige empfinden das Bedürfnis, mich hier zu besuchen oder wissen überhaupt, daß ich noch am Leben bin.“

Und selbst Hans Richter hat in seiner Darstellung „Dada – Kunst und Antikunst“ von 1964 Hanna Hoch nur eine Nebenrolle zugestanden, eine typisch weibliche dazu: als Freundin von Raoul Hausmann habe sie an den Atelier-Abenden die Dadaisten mit Bier und Brötchen versorgt, zart und bescheiden, wie es sich gehört. Hanna Hoch hat Richters Anekdote später korrigiert: nicht nur hat sie die Brötchen geschmiert, sie hat auch die Brötchen verdient – mit Entwürfen für eine Schnittmuster-Fabrik.

Hanna Hoch als Bubikopf-Muse im Männerclub der Berliner Dadaisten, später als kooperative Freundin von Arp und Schwitters und van Doesburg – das war sie auch. Aber sie war selbst höchst produktiv. Und sie hatte es nicht immer leicht, sich durchzusetzen gegen die „starken Männer“, gegen die „Da-Dandys“, an denen sie sich in ihren Collagen gelegentlich mild gerächt hat. Die „Kameradschaftzeit“, wie sie sagte, begann erst nach der Trennung von Hausmann, 1922.

Die traditionelle Rolle der Frau hat sie zum Thema gemacht, etwa im Aquarell von 1920 „Das Brautpaar“ oder im Bild „Die Braut“ aus den späten zwanziger Jahren. Einmal ist es eine Kleiderpuppe, die sich am Arm ihres befrackten Bräutigams in einer anachronistischen Traumszenerie aus Kirchenfragmenten und Alt-Nürnberg präsentiert, das andere Mal eine monströse Baby-Braut, die groteske Symbole des Weiblichen als Spielzeug um sich versammelt. Gegen die perfide Verquickung von Technik und Sex in der Werbung, die im Neuen Realismus zu einem Topos der Kritik werden sollte, hat Hanna Hoch bereits 1920 polemisiert, in der Collage „Das schöne Mädchen“. Frauenkörper und BMW-Maschine sind attraktiv ineinandergeklebt. Aber auch solche Themen scheinen in ihren Arbeiten unaggressiv, ja anmutig, ohne das Pathos der Frauenbewegung. Sie hat im Gegensatz zu ihren männlichen Dada-Kollegen keine Manifeste geschrieben, und auch ihre Bilder und Collagen sind keine Manifeste.

Wenn Hanna Hoch von sich und den Berliner Dadaisten sprach als „heillose Bande, alle noch sehr wild“, wenn sie von „unseren jugendlichskandalösen Demonstrationen“ erzählte, dann verstand man, daß Dada in Berlin nicht als monumentale kunsthistorische Epoche stattgefunden hat (auch wenn Dada Epoche gemacht hat). Im Rückblick hat Hanna Hoch die wichtigste Leistung der Berliner Dada-Gruppe in der Entdeckung der Photomontage und im Ausprobieren ihrer Möglichkeiten gesehen. Sie ist dem Prinzip der Montage ihr Leben lang treu geblieben, auch als sie sich in nach-dadaistischer Zeit wieder intensiver mit dem Tafelbild beschäftigte. Im Gespräch mit Roditi hat sie das erläutert: „Nach 1924 kehrte ich zu einer traditionelleren Malweise zurück, obwohl ich mich in den Kompositionen jener Periode noch vieler Kunstgriffe der Photomontage bediente. Zum Beispiel in dem 1927 geschaffenen ‚Bürgerlichen Brautpaar‘ ist alles sehr realistisch gezeichnet und gemalt; dennoch wirkt das Bild wie die Montage von Details, die Photographien entnommen wurden und deren Anordnung ein ganz Unwirkliches wie etwas ganz Realistisches wiedergibt.“ Genau das macht ihre Bilder aus den zwanziger Jahren, „Roma“ oder „Die Journalisten“, nach einem halben Jahrhundert so gegenwärtig.

Am 31. Mai ist Hanna Hoch im Alter von 88 Jahren in Berlin gestorben. Katrin Selto