Freilich liegt die Schuld bei mir: Einem ordentlichen Familienvater darf es eben nicht entgehen, wenn das Arbeitsamt ihm statt des Kindergeldes für drei Kinder nur noch das für zwei überweist – noch dazu, wenn dies über einen Zeitraum von gut einem Jahr geschieht. Zwar können mildernde Umstände angeführt werden: Just damals, als unser Zweites Kind 18 Jahre alt (und somit erwachsen) wurde, teilte das Amt mit, die bis dahin überwiesene Summe (für drei Kinder) werde künftig aus Gründen der Rationalisierung „beleglos“ überwiesen werden. Und da ebenfalls zu jener Zeit auch die Bank zu rationalisieren begann und die Zahl der Konto-Auszüge stark reduzierte, konnte meiner Frau, die mir zu jenem Zeitpunkt die undankbare Kontenüberwachung abnahm, schwerlich auffallen, daß das auf den Sammelauszügen aufgeführte Kindergeld nur noch für zwei gedacht war. Das merkten wir erst bei den Vorbereitungen für die nächstfällige Einkommensteuererklärung. Aber wie auch immer: die Schuld liegt bei mir.

Doch nachdem vom Arbeitsamt auf die Bitte um Nachzahlung lediglich ein Formular „betreffend die Berufsausbildung Ihres Sohnes“ kam und dann, nach Rücksendung des ausgefüllten Formulars und der wiederholten Bitte um Nachzahlung, die Mitteilung, daß dieser Bitte „nur teilweise entsprochen werden“ könne, weil es versäumt worden war, den „Antrag auf Kindergeld“ rechtzeitig neu zu stellen, frage ich, ob das denn so sein muß. Vorstellbar ist doch auch, daß der zuständige Bürokrat das Kindergeld für einen Achtzehnjährigen nicht nur einfach stillschweigend streicht, sondern zugleich und unaufgefordert jenes Formular „betreffend die Berufsausbildung Ihres Sohnes/Ihrer Tochter“ an die Familie schickt, für den heutzutage ja nicht eben seltenen Fall, daß ein Achtzehnjähriger noch in der Ausbildung steckt.

Anders gefragt: Ist es freundlich, wenn der Staat seine Bürger zwar pünktlich an ihre Pflichten erinnert (die Formulare zur Steuererklärung bleiben nie aus), nicht aber an seine Rechte? Ist es partnerschaftlich, wenn er an den Versäumnissen der Bürger, das ihnen Zustehende rechtzeitig zu beantragen, Gewinn macht (und wohl gar darauf spekuliert)? Daß der Staat auf diese Weise (und weil viele Bürger es als peinlich empfinden, ihnen zustehende Finanzhilfen bei den Bürokraten überhaupt zu beantragen und deswegen lieber verzichten), Jahr für Jahr Millionenbeträge einbehält, ist ja bekannt. Da ist es kaum verwunderlich, daß wie jetzt eine Meinungsumfrage des Emnid-Instituts zum Thema „Der Bürger und die Bürokratie“ ergab – „die Stimmung der Bundesbürgergegenüber all jenem, was mit Bürokratie zusammenhängt, nicht gerade günstig ist“; allein dieser Begriff löse „allgemein negatives Empfinden aus“, konstatieren die Meinungsforscher. Die Mehrheit der Bevölkerung setze den staatlichen Verwaltungsapparat gleich mit „Umständlichkeit, Langsamkeit, Formularwesen, Papierkrieg“. Und erschreckend ist, daß viele Bürger den Beamten nicht nur „unnötigen Aufwand“, sondern auch „rücksichtsloses, unmenschliches Verhalten“ vorwerfen.

Es sei deswegen an der Zeit, heißt es in der Untersuchung weiter, die das Institut den Politikern ans Herz legt, daß Behördenleiter sich einmal Gedanken darüber machten, wie das geändert werden könnte. „Andernfalls könnte man es nicht verhindern, daß eine immer stärker werdende Negativeinstellung der Bürger gegenüber den Behörden in der Bundesrepublik entsteht.“

Auf der Suche nach den Ursachen für den Untergang des mächtigen Römischen Reiches kamen Historiker zu der Erkenntnis, daß dazu ganz entschieden das verhängnisvolle Verhältnis zwischen den römischen Bürgern und ihrem immer stärker, mächtiger, kostspieliger und schließlich erdrückend gewordenen Beamtenapparat beigetragen hat. Dies kann uns kein Trost sein; das Römische Reich ging zwar unter (im Jahre 476), aber Bürokraten gibt es heute mehr denn je. Gerhard Prause