Von Wolf gang Nagel

Drei Monate nach seinem Tod fand ich im alten Elektro-Rasierer, mit dem ich ihn vier Wochen vor seinem Tod im Krankenhaus rasiert hatte, die grauen Bartstoppeln wieder. Ich war nicht dabeigewesen, als er starb. Ich hatte es abgelehnt, seine Leiche zu,sehen. Doch jetzt reichte der Anblick der Barthaare in meiner Hand aus, mich wehrlos zu machen gegen den Tränendrang hinter der Stirn. Ich weinte.“

Das Tote überlebt. Eine Prise Hornpulver, leicht wegzupusten, löst eine Lawine von Gedanken und Gefühlen, Träumen und Tagträumen, Erinnerungen und Phantasien, auch Selbstvorwürfen und Rechtfertigungen aus, eine Flut, vor welcher der Sohn lebenslang unbewußt davonlief und die ihn nun einholt – ein Vierteljahr nach dem Tod des Vaters, beim Anblick winziger leibhaftiger Überreste.

Ich habe lange nicht einen Anfang gelesen, der so unsentimental und so schnell hineinreißt in ein Buch und gleichzeitig so viel Gefühle in mir freibrach, daß ich erschrak, wie in der Erzählung von –

Paul Kersten: „Der alltägliche Tod meines Vaters“; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1978; 104 S.; 18,– DM.

Daß unsere Schutz- und Abwehrmechanismen durch eine Bagatelle überlistet werden, daß wir auf eine extreme Situation mit scheinbar unangemessener Zeitverzögerung reagieren, daß wir mit Schreiben, mit Worten (also durch Nacherleben) ein Erlebnis zu bewältigen versuchen, das kennen wir aus eigener Erfahrung, auch in der Literatur: Sieben Wochen nach dem (Frei-)Tod seiner Mutter begann Peter Handke 1972 seine Erzählung „Wunschloses Unglück“. Ein halbes Jahr nach dem (Krebs-)Tod ihrer Mutter veröffentlichte Simone de Beauvoir den Bericht „Ein sanfter Tod“ (1964). Privater Ge- und Betroffenheit konnten sie als Schriftsteller nicht ausweichen.

Paul Kersten, Jahrgang 1943, ist dadurch überhaupt erst Schriftsteller geworden, nicht gerechnet einen Lyrikband, „Steinlaub“, den er vor fünfzehn Jahren veröffentlicht hat. Kersten, seit Jahren Redakteur für das „Bücherjournal“ des NDR-Fernsehens, hatte mit Literatur rezipierend (und rezensierend) zu tun – bis sein Vater starb.