Die Geschichte einer denkwürdigen Beziehung – von einem begabten, gelehrten Erzähler

Von Theodor Eschenburg

Als Bismarck 1859 als preußischer Gesandter von Frankfurt/Main nach Potsdam ging, legte er ein Konto bei der Bank vonGerson Bleichröder in Berlin an. Zunächst war sie nicht mehr als sein „privater Zahlmeister“, dann hat sie die Verwaltung des Bismarckschen Vermögens übernommen und sie 40 Jahre lang, bis zu dessen Tod 1898, behalten. Später hat Bleichröder Bismarck, auch anderen Personen von Rang, Optionen auf Wertpapiere gegeben. Er zählte die Gewinne aus, kassierte aber keine Verluste. Das war kein unbedenkliches Verhalten; weiter scheint es allerdings nicht gegangen zu sein. Gelegentlich hatte Bleichröder Bismarck kurzfristig zinslos Kredite gegeben, aber dieser hat sie stets, anders als der österreichische Staatskanzler Fürst Metternich, ordnungsgemäß zurückgezahlt.

Wichtiger war die Beziehung zwischen beiden, die sich aus Kapitalanlage-Interessen ergab. Wer geht nicht wegen seiner Anlageberatung zu seiner Bank und, wenn er kann, zum Chef? Das Schwanken der Börsenkurse war und ist vielfach von politischen Entwicklungen, Verhältnissen und überraschenden Ereignissen abhängig. Bleichröder war Bismarck in Börsen- und Bankenkenntnissen weit überlegen. Aber Bismarck, seit 1862 preußischer Ministerpräsident, seit 1867 Kanzler im Norddeutschen Bund, seit 1871 im Reich, verfügte in der Politik über einen gewaltigen Informationsvorsprung, wie man heute sagen wurde. Seine Kenntnisse nützte er für seine Anlagen aus und hatte deshalb ebensowenig Skrupel wie andere Größen des 19. Jahrhunderts. Aber er entrüstete sich, wenn Staatsmänner Politik nach ihren Geschäften richteten, was ihm nicht nachgewiesen werden kann.

Von diesem Wissen Bismarcks profitierte Bleichröder. Wichtige politische Informationen aus dem Ausland besaß auch der Bankier. Er war der Berliner Agent der Pariser Niederlassung der Rothschilds. Sie besaßen die mächtigste Bank Europas mit Niederlassungen in Paris, London, Wien, Neapel und Frankfurt/Main. Deren Chefs, alle Abkömmlinge des Gründers Amschel Meyer, waren die Vertrauensleute der jeweiligen Regierungsspitzen, vielfach der Monarchen selber, die damals noch etwas zu sagen hätten. Mehr als dreißig Jahre lang war Samuel Rothschild in Wien der unentbehrliche Finanzberater Metternichs gewesen.

Die Mitglieder dieser Bankdynastie in den Hauptstädten Europas galten als besser informiert denn Diplomaten und Außenminister. Sie verfügten über einen für damalige Zeiten vorzüglich organisierten, schnell und zuverlässig arbeitenden Nachrichtendienst. Einen regelmäßigen Telegraphenverkehr gab es noch nicht. Die Presse, unter Zensur stehend, war unterentwickelt. Die Rothschilds hatten eigene Hauskuriere, die schneller waren als die staatlichen und sich der Postzensur zu entziehen vermochten. Wer eine Fülle von Staatsanleihen auslieh, Kontributionen vorfinanzierte und einzog, Eisenbahnen und Tunnels baute, Industrie- und Handelskredite gab, ständig an allen Börsen spekulierte – alles im Maßstab der damaligen Welt –, für den lohnte sich ein so kostspieliger Apparat.

Täglich korrespondierten Bleichröder und James Rothschild in Paris, der bei Napoleon III. ein- und ausging. Davon erfuhr über Bleichröder auch Bismarck und umgekehrt. Bleichröder saß in der Behrenstraße, nur wenige Minuten von Bismarcks Residenz entfernt. Er kam auf einen Sprung herüber, meist zweimal in der Woche, gelegentlich auch täglich. Außerdem schrieb er Bismarck Billets und erhielt solche von ihm oder von dessen engsten Mitarbeitern. Bismarck versorgte Bleichröder mit ausgewählten halben oder teilweisen Fakten; die ganze Wahrheit behielt er für sich. Er benutzte geradezu Bleichröder als Sendboten, als seinen inoffiziellen, ständig zur Verfügung stehenden Sonderbotschafter, damit James in Paris den Kaiser, Samuel in Wien den österreichischen Staatskanzler, Lionel Nathan in London die jeweils maßgeblichen Politiker in seinem Sinn informierte. Andererseits kalkulierten die Rothschilds Bleichröders Bindung zu Bismarck ein. Sie ärgerten sich zunächst, zeigten aber mit der Zeit Verständnis. Als Vertrauensmann Bismarcks war ihnen Bleichröder zu wich-