Bis heute sind mehr als 7000 Publikationen über Bismarck erschienen. In der fast unübersehbaren Spezialliteratur ist von Bleichröder kaum die Rede. Die Biographien nennen ihn nur am Rande. Es fehlte an Material. Der Historiker Fritz Stern, Professor an der Universität Columbia in New York, hat sich vor etwa 20 Jahren auf die Suche nach Bleichröder gemacht. Er fand in New York Überbleibsel seines Privatarchives; die Geschäftsunterlagen waren in Zweiten Weltkrieg verlorengegangen. Egon Caesar Conte Corti sagt in der Einleitung zu seiner 1926 erschienenen zweibändigen Geschichte des Hauses Rothschild: Dieses Haus öffnete seine Archive begreiflicherweise nicht, da sie, wie keine anderen, Geschäftsgeheimnisse ersten Ranges bergen. Dreißig Jahre später wurde Stern die ausgedehnte Korrespondenz Bleichröders mit den Pariser Rothschilds, die sich im Dachgeschoß der "Banque Rothschild" befand, zur Verfügung gestellt. Das war die eine Hauptquelle, die andere war die Korrespondenz Bismarcks mit Bleichröder. Um die tausend Briefe sowie Bankabrechnungen lagerten über den Ställen des Gutes in Friedrichsruh.

Erst durch Sterns Buch

"Gold und Eisen. Bismarck und sein Bankier Bleichröder"; Ullstein Verlag, Berlin 1978; 754 S., 68,– DM

vermag man die bedeutende Rolle des Bankiers in Bismarcks Leben und Politik zu ermessen. Der Autorenstolz, "daß Bleichröder alles darstellt, was in der modernen deutschen Geschichte ausgelassen wurde", ist etwas übertrieben, was Stern selber zugibt, aber nicht ganz unberechtigt.

Gerson Bleichröder, schon Ende der fünfziger Jahre ein renommierter Geschäftsmann in Gelddingen war zu einem "anerkannten Mitglied der herrschenden Elite" und zu "einer Hauptfigur im neuen Machtzentrum Berlin geworden". 1893 ist er als einer der reichsten Männer, wenn nicht der reichste Deutschlands gestorben. "Reichtum ohne gesellschaftliches Ansehen war nur die halbe Errungenschaft, sozialer Rang jedoch ein unschätzbares Pius fürs Geschäft." Auf das Geschäft verstand sich Bleichröder in seiner Besonnenheit und Rechtschaffenheit meisterhaft. Das gesellschaftliche Ansehen hat indessen seinen Eigenwert. "Bleichröders Leben ist fast der Idealfall des Kampfes eines Kapitalisten um Ansehen." Deshalb ist Sterns Beschreibung gesellschaftspolitisch so interessant.

Bleichröder war ungetaufter Jude und blieb es im Gegensatz zu vielen anderen. Daß er aktives Mitglied der Vorstandschaft der jüdischen Gemeinschaft war, verbarg er nicht. Der Aristokratie behagte sein Aufstieg und wachsender Einfluß nicht. Aber richtete sich ihre Abneigung mehr gegen den Juden als gegen einen der "nouveaus riches"? Der aristokratische konservative Antisemitismus beruhte in erster Linie auf Standeshochmut und religiöser Konvention, während der aufkommende plebejische Antisemitismus ausgesprochen rassenpolitisch und antikapitalistisch war. Für die Aristokratie war das wesentliche Merkmal Bleichröders, daß der Emporkömmling durch seinen Reichtum und seine "unübertreffliche Kenntnis der politisch-wirtschaftlichen Szene" sie an gesellschaftlicher Geltung übertraf.

Bismarck war seit Beginn seiner Regierungszeit an wirtschaftlicher Prosperität in Preußen und Deutschland aus politischen Gründen stark interessiert. Aber ihm fehlte es, wenn man vom agrarischen absieht, an Kenntnissen und Erfahrungen. Sein nächster fachlicher Mitarbeiter war der Staatssekretär Rudolf von Delbrück, der aus dem preußischen Handelsministerium kam. Rat und Hilfe in Fragen erfuhr er während der ganzen Zeit von Bleichröder, der einer der besten Kenner der Wirtschaft war. Auf dessen Loyalität glaubte er sich verlassen zu können. Bleichröder seinerseits wußte, daß keine seiner Interessen so groß hätte sein können, um Bismarcks Vertrauen aufs Spiel zu setzen. "Bleichröder war in der Politik des Kaiserreiches ständig überaus präsent ... in Bismarcks Schatten wurde er Berater und Lobbyist, Vertrauter, Königsmacher, finanzielle Institution." Er hatte Einfluß, doch keine Macht.