Von Dietrich Strothmann

Es kam am Ende anders, als es Ernst Albrecht sich gedacht hatte. Eigentlich hatte er bei der niedersächsischen Landtagswahl, in der sich zum erstenmal ein CDU-Ministerpräsident dem Volksentscheid stellte, wohl gewinnen, doch nicht siegen wollen. Das heißt: Er wollte auch vom Wähler in seinem Amt bestätigt werden, in das er vor zwei Jahren „nur durch Verräter“ gelangt war; zugleich aber wollte er vorigen Sonntag mit seiner CDU/FDP-Koalition sein „Modell Niedersachsen“ absegnen lassen. Das eine machte er dann auf Kosten des anderen.

Der Hinauswurf der Liberalen aus dem Landtag – der zweite seit 1970 –, bescherte Albrecht die wohl angestrebte, doch so nicht gewollte absolute Mehrheit der Mandate. Regieren wie ein unangefochtener Regent kann er künftig; aber sein Triumph muß ihm, der mehr im Sinn hatte, als zu teuer erkauft vorkommen. Die sauren Früchte seines strahlenden Sieges wird er nun zu kosten bekommen: in Hannover, wo er nicht mehr Rücksichten auf den Koalitionspartner, wohl aber auf Teile der eigenen Partei und Fraktion nehmen muß; in Bonn, wo es ihm im Bundesrat schwerfallen wird, zum Zwecke der Auflockerung und Annäherung an die FDP weiterhin zugunsten der Genscher-Leute zu votieren.

Der Sieg war nicht kalkulierbar: Pech im Glück. Sonst aber hat Ernst Albrecht stets das erreicht, was er sich vorgenommen hatte. Zuletzt, als er mit Geschick und Fortune gegen den erbitterten Widerstand von Strauß und Dregger die sich ein Jahr lang zierenden Freien Demokraten unter seinen „Modell“-Hut brachte; zuvor, als er mit dem liberalen CDU-Wirtschaftsexperten Walther Kiep und dem sozial-engagierten Schulfachmann Werner Remmers zwei vorzeigbare, für die FDP attraktive Minister in sein Kabinett berief.

Das „Nordlicht“, wie Strauß den Neuling Albrecht anfangs abschätzig nannte, wurde danach zum Gütesiegel einer CDU-Politik, die nach Kohls Devise Kooperation an Stelle von Konfrontation betreiben wollte. Im Bundesrat fuhr der inzwischen sturmfeste Niedersachse häufig neben der „Südschiene“ von Strauß – vom Polenvertrag bis zum Datenschutz stimmte er für die Bundesregierung. Er tat es nicht nur der FDP zuliebe, sondern auch aus eigener Überzeugung. Er wollte liberale Politik nicht nur aus Taktik und Berechnung treiben. Er praktizierte diese Politik auf überzeugende, gewinnende Weise. Auch jetzt, ohne den FDP-Partner, will er bei seiner Linie bleiben. übernimmt er sich?

Ernst Albrecht wußte immer schon, was er wollte – oder er wußte zumindest dem Rat jener zu folgen, die ihm wohlgesonnen waren: seinem Vater zum Beispiel, einem Psychotherapeuten, der ihn lehrte, an das Gute zu glauben und sich Nächstenliebe zu bewahren; oder Karl Jaspers, einem seiner Philosophielehrer, der ihm ritt, etwas „Praktisches“ zu studieren, also Ökonomie. Nach seiner Promotion zum Dr. rer. pol. blieb ihm das Glück hold, von dem Albrecht lächelnd sagt, daß man ihm nicht nachjagen dürfe, es vielmehr im Vorübergehen ergreifen müsse.

Mit 24 Jahren war er Attaché bei der Montanunion, mit 26 Leiter des Sekretariats für die EG-Verhandlungen, mit 28 Kabinettschef in Brüssel, mit 37 und einem 100 000-Mark-Salar Generaldirektor der EG-Kartellbehörde (wo er den Multis „auf die Finger klopfte“), mit 40 CDU-Abgeordneter und Vizegeschäftsführer einer Keksfabrik in Hannover, mit 42 Landesschatzmeister, mit 44 Fraktionsvize und Finanzdirektor, mit 45 CDU-Spitzenkandidat, mit Ministerpräsident: Karriere machte Ernst Albrecht mit traumhafter Leichtigkeit. Die Ochsentour, die ihm ohnehin zuwider ist, blieb ihm erspart. Eine Mischung aus Fleiß und Fortune machte seinen Aufstieg unaufhaltsam, sein Selbstbewußtsein unwiderstehlich. Nie vergaß Ernst Albrecht, was er wert war, stets brachte er Mut und Fleiß auf, seine Chance abzuwarten, um sie dann zu nutzen, ohne auch nur einen Lidschlag lang zu zögern.