Es mußte ja so kommen. Noch zu Lebzeiten Mao Tse-tungs, beim Empfang für Bundeskanzler Helmut Schmidt, hatte der vorwitzige Vizepremier Teng Hsiao-ping ein Wort des Konfuzius zitiert. Er mußte den verfemten Autor nicht erst nennen – jeder Chinese kannte das Wort. Drei Jahre danach darf jedermann Meister Kung beim Namen nennen, ohne ihn gleich verdammen zu müssen, wie es Frau Mao und ihre kulturrevolutionären Bilderstürmer verlangt hatten. Die Entdämonisierung des Weisen, dessen Lehre auch nach 2500 Jahren lebendig bleibt, ist ein untrügliches Zeichen für die Abkehr von der Kulturrevolution und den Zickzackwegen des alten Mao.

So mancher der Sprüche des Meisters ist wieder praktizierte Politik. Man läßt „diejenigen ins Amt zurückrufen, die in Vergessenheit geraten sind“; man soll wieder geistiges Schaffen ebenso hoch oder höher bewerten als körperliche Arbeit; „Niedrige“ dürfen wieder ruhigen Gewissens „im Sinne des Gewinns“ denken; Beethoven darf wieder, ganz im Geiste des Konfuzius, „harmonische Gefühle“ wecken. Und verkörpert die Politik der Hua und Teng nicht „Mitte und Maß“?

Den Chinesen wird das Umdenken leichtfallen, haben sie doch vor einigen Jahren in der Massenkampagne „zur Kritik an Lin Piao und Konfuzius“ in einem gigantischen Studium generale alle Winkel der uralten Staatsphilosophie kennengelernt. Es fällt um so leichter, als Mao selber nie verhehlt hat, wieviel er dem Konfuzius verdankt – als Student pilgerte er zum Hain von Tschufu ans Grab des Weisen, das seine Roten Garden später schänden sollten. Doch was dem Meister Kung widerfuhr, geschieht auch Maos Lehre: Jeder nimmt sich daraus, was ihm gerade paßt, die Rechten wie die Linken, im Guten wie im Bösen.