Von Heinrich Böll

Wenn ich, über das Zeugnis der Domitila schreibend, "Einfachheit" und "klein" in Gänsefüßchen setze, so entspricht das meiner Erkenntnis, daß es "einfache" Menschen nicht gibt: Ich bin jedenfalls noch keinem "einfachen" Menschen begegnet; und das Adjektiv "klein" wird ja wie das Adjektiv "einfach" mit leichtfertiger Herablassung als Klassenmerkmal benutzt; es assoziiert Armut, Unbildung, Ohnmacht oder Machtlosigkeit; die "kleinen", "einfachen" Menschen sind gewöhnlich die Unterworfenen oder die stummen Untertanen.

Ein verhängnisvoller Irrtum: gerade "einfache" Menschen, deren es übrigens auch einige im höherem Management gibt, sind gewöhnlich sensibler und verletzlicher, als die, die gebildet und geübt genug sind, sich flink zu artikulieren und aus ihrer Zunge ihre Klinge machen können. Hin und wieder billigt man Autoren und Künstlern, eine höhere Sensibilität zu als "gewöhnlichen" Menschen. Ich wehre mich dagegen: Die Sensibilität einer Verkäuferin oder eines Bankbeamten sollten den gleichen Wert haben wie die eines Autors, der immerhin das Glück hat, seiner Sensibilität Ausdruck zu verleihen.

Das "Zeugnis der Domitila" ist nicht geschrieben, es ist gesprochen, und es ist gut, daß der Gesprächduktus erhalten geblieben ist, sogar colloquiale Floskeln nicht gestrichen wurden. So ist die Stimme erhalten geblieben, und diese Stimme ist klar, intelligent, sensibel bis ins delikate Detail. Es ist verblüffend, als wie kompliziert sich das Leben dieser "einfachen" Frau eines bolivianischen Minenarbeiters herausgestellt; zunächst auf der härtesten, der ökonomischen Basis, wo es um das nackte Leben geht: um Milch, Mais, Brot, Wohnung. Die unerträglichen Zu- und Umstände werden in ihrem politischen Zusammenhang erkannt, daraus ergibt sich die Analyse des Politischen, es geschieht – Gott sei’s geklagt: das Wort ist noch zu gebrauchen – Bewußtseinsbildung. Die hat Aktivität, dann Aktion zur Folge: Es werden Hausfrauen-Komitees gegründet, Diskussionen und Gespräche finden statt, die Gewerkschaften treten ein und auf. Man lese sorgfältig, was Domitila an Folter und Mißhandlung durch Polizei und Militär erfährt; im sich bei der späteren Besetzung ihrer Siedlung durchs Militär abspielt; wie die einzige Stimme der Arbeiter, ihre Radio-Stationen, zerstört werden; später, nach unfaßbaren Foltern im Gefängnis, wird sie Bestechungsversuche erfahren und ablehnen. Man erinnert sich vielleicht daran, daß der Kardinal und Erzbischof von La Paz im Jahre 1977 hungerstreikenden Frauen in seiner Kathedrale Asyl gewährte; daß er das Anliegen der Frauen unterstützte, daß die Regierung Banzer nachgab: die Anführerin dieser Frauengruppen war Domitila.

Es ist schon mehr als verblüffend, wie diese "einfache" Frau Zusammenhänge erkennt, Vorgänge analysiert, ihre Erkenntnisse in Aktionen umsetzt, handfest und Wenn notwendig handgreiflich: hart, hartnäckig, oft auf Kosten ihrer Familie und nicht immer im Einverständnis mit ihrem Mann, den die Minenarbeit mürbe gemacht hat. Kein Wunder, daß man ihr ein sanfteres Leben in der Hauptstadt anbietet, was sie ablehnt, um den mörderischen Kreislauf von Privilegierung, Korruption und Bestechung zu durchbrechen.

Die sozialen und sozialpolitischen Erkenntnisse der Domitila gehen weit über das hinaus, was sie direkt in ihrer Minenarbeiter-Siedlung erlebt und erfährt. Ihr Diskussionsbeitrag zum Thema Emanzipation zeugt von hoher, von höherer Einsicht. Vor dem "Internationalen Frauenkongreß" in Mexiko 1976 erklärt sie die dort behandelten Themen lesbische Liebe, Hausfrauen-Frustration im Haushaltmaschinenpark, Kochtopf-Trauma als für sie und ihre Genossinnen uninteressant: Sie würde (das ist eine Interpretation, Domitila drückt es anders aus) ganz gerne am Kochtopf stehen, hätte sie nur einen und außerdem noch etwas drin. Sie sieht, wie die Männer – Minenarbeiter – zerstört, fast vernichtet werden durch die Arbeitsbedingungen; wie ihnen die Radiostationen, ihr einziges Publikations- und Kommunikationsinstrument, zerstört werden; sie appelliert an die Soldaten als Söhne des Volkes und Arbeitersöhne; sie erkennt an, daß die kirchlichen Sender, als bloß antikommunistische Propagandastationen und somit nolens volens Hilfsinstrumente des Kapitalismus und der Diktatur gegründet, Ton und Adresse geändert haben. Möge sich diese Entwicklung nur fortsetzen und möge einer, irgendeiner diesen Menschen doch klar machen, worauf sie denn hoffen sollen, wenn nicht auf den, dann auf einen Sozialismus, nachdem Verstaatlichung innerhalb einer Diktatur ihr Elend eher vergrößert hat. Worauf denn, wenn sie überhaupt noch Kraft zur Hoffnung haben, sollen sie denn hoffen nach fast fünfhundertjähriger Erfahrung mit einer merkwürdigen Version des "Christentums", das ihnen den Himmel versprach und die Erde nahm? Wobei ihnen der Himmel immer von denen versprochen wurde, die von der Erde und ihren Schätzen genug besaßen.

Wer möchte sich wundern, daß die Ausgebeuteten anfangen, dem metaphysischen Falschgeld zu mißtrauen? Besonderer Aufmerksamkeit wert ist das Kapitel über die verheerenden Wirkungen des (hauptsächlich) nordamerikanischen Fernsehens, das, in Kindern und Erwachsenen Konsumträume weckt, die nie befriedigt werden können.