Von Rolf Zundel

Wer sind die Terroristen? Es gibt eine fast lückenlose Dokumentation ihrer Delikte, detaillierte Untersuchungen über ihre Arbeitsweise, massenhaft Selbstzeugnisse. Dennoch gibt es nur unsichere Antworten auf die Frage: Wer sind sie? Sie ziehen so viel Abscheu auf sich, daß nur ihr Anderssein wahrgenommen wird. Sie sind Symbolfiguren politischer Entwicklungen und Fehlentwicklungen, Figuren der Öffentlichkeit – und gerade deshalb unbekannt.

Ein einziges Merkmal haben alle deutschen Terroristen gemeinsam: sie sind relativ jung. Die 40 bis 50 Mitglieder des harten Kerns, so hat Gerhard Boeden, Leiter der Abteilung TE im Bundeskriminalamt, berichtet, sind zwischen 22 und 37 Jahre alt, die meisten von ihnen um die 27. Als sie sich einer Untergrundorganisation anschlossen, waren sie im Durchschnitt 23 Jahre alt. Die Altersstruktur unterscheidet sich in dieser Hinsicht wenig von Sozialrevolutionären Terrorgruppen in anderen Ländern – bei den separatistisch-nationalistisch-motivierten Gruppen wie der IRA in Ulster oder den Basken in Spanien sind dagegen auch Kinder und Greise dabei.

In allen Sozialrevolutionären Gruppen, von den Roten Brigaden in Italien über die Tupamaros in Uruguay, die amerikanischen Weathermen bis zur japanischen Roten Armee Fraktion dominieren die Intellektuellen. Die RAF in der Bundesrepublik ist da keine Ausnahme. Man weiß, daß von ihren Mitgliedern etwa zwei Drittel studiert haben, meist Sozialwissenschaften, aber selten bis zum Ende. Auch dies ist bei der IRA wieder anders: In ihrer Führung gibt es nach Auskunft des britischen Terrorexperten so gut wie keine Intellektuellen.

Bekannt ist ferner, daß fast drei Viertel der westdeutschen Terroristen dem oberen Mittelstand oder den Oberschichten entstammen. Der Soziologe Schmidtchen beschreibt die Herkunft etwas genauer: „In der Regel aus dem bildungsbeflissenen aufsteigenden Bürgertum.“ Bei einigen von ihnen ist, meist nur zeitweise, Alkohol- und Drogenanfälligkeit nachzuweisen. Etwa die Hälfte hat einmal in einer Kommune gelebt. Der Anteil der Frauen liegt über 50 Prozent und damit wohl höher als in den vergleichbaren Organisationen anderer Länder.

Aber dieses grobe Raster, das auf Tausende paßt, gibt wenig Aufschluß über die besonderen Bedingungen, unter denen die Terroristengruppen sich entwickelt haben – übrigens ausschließlich in Großstädten.

Da sind die Grenzgänger der normalen Gesellschaft, die Farbe, Wärme und Aufregung in der Berliner Rock- und Drogenszene suchten, wie Bommi Baumann und die Hasch-Rebellen, und die dann die Drogenspritze mit der Kugelspritze vertauschten und in den Terror hinüberglitten – in dieser Gruppe war der Anteil der „Proletarier“ noch am höchsten. Mit dem intellektuell geprägten Kreis um Ulrike Meinhof, die aus politischem Engagement über radikale Theorien sozialer Gerechtigkeit zur blutigen Praxis fand, haben sie wenig gemeinsam. Und kaum etwas verbindet die Studenten, die im Sozialistischen Patientenkollektiv Heidelberg ihre psychologischen Schwierigkeiten als revolutionären Avantgardismus erlebten und verdrängten, mit den Hamburger Terroristen, von denen viele der sozialen Gerechtigkeit mit Hausbesetzungen nachhelfen wollten, oder mit den gläubigen Mitarbeiterinnen aus den Anwaltskanzleien, die zu Helfern der Konspiration wurden. Jede Gruppe hat anders gebündelte und gefärbte Motive und Erlebnisse.