Von Rolf Zundel

Wer sind die Terroristen? Es gibt eine fast lückenlose Dokumentation ihrer Delikte, detaillierte Untersuchungen über ihre Arbeitsweise, massenhaft Selbstzeugnisse. Dennoch gibt es nur unsichere Antworten auf die Frage: Wer sind sie? Sie ziehen so viel Abscheu auf sich, daß nur ihr Anderssein wahrgenommen wird. Sie sind Symbolfiguren politischer Entwicklungen und Fehlentwicklungen, Figuren der Öffentlichkeit – und gerade deshalb unbekannt.

Ein einziges Merkmal haben alle deutschen Terroristen gemeinsam: sie sind relativ jung. Die 40 bis 50 Mitglieder des harten Kerns, so hat Gerhard Boeden, Leiter der Abteilung TE im Bundeskriminalamt, berichtet, sind zwischen 22 und 37 Jahre alt, die meisten von ihnen um die 27. Als sie sich einer Untergrundorganisation anschlossen, waren sie im Durchschnitt 23 Jahre alt. Die Altersstruktur unterscheidet sich in dieser Hinsicht wenig von Sozialrevolutionären Terrorgruppen in anderen Ländern – bei den separatistisch-nationalistisch-motivierten Gruppen wie der IRA in Ulster oder den Basken in Spanien sind dagegen auch Kinder und Greise dabei.

In allen Sozialrevolutionären Gruppen, von den Roten Brigaden in Italien über die Tupamaros in Uruguay, die amerikanischen Weathermen bis zur japanischen Roten Armee Fraktion dominieren die Intellektuellen. Die RAF in der Bundesrepublik ist da keine Ausnahme. Man weiß, daß von ihren Mitgliedern etwa zwei Drittel studiert haben, meist Sozialwissenschaften, aber selten bis zum Ende. Auch dies ist bei der IRA wieder anders: In ihrer Führung gibt es nach Auskunft des britischen Terrorexperten so gut wie keine Intellektuellen.

Bekannt ist ferner, daß fast drei Viertel der westdeutschen Terroristen dem oberen Mittelstand oder den Oberschichten entstammen. Der Soziologe Schmidtchen beschreibt die Herkunft etwas genauer: „In der Regel aus dem bildungsbeflissenen aufsteigenden Bürgertum.“ Bei einigen von ihnen ist, meist nur zeitweise, Alkohol- und Drogenanfälligkeit nachzuweisen. Etwa die Hälfte hat einmal in einer Kommune gelebt. Der Anteil der Frauen liegt über 50 Prozent und damit wohl höher als in den vergleichbaren Organisationen anderer Länder.

Aber dieses grobe Raster, das auf Tausende paßt, gibt wenig Aufschluß über die besonderen Bedingungen, unter denen die Terroristengruppen sich entwickelt haben – übrigens ausschließlich in Großstädten.

Da sind die Grenzgänger der normalen Gesellschaft, die Farbe, Wärme und Aufregung in der Berliner Rock- und Drogenszene suchten, wie Bommi Baumann und die Hasch-Rebellen, und die dann die Drogenspritze mit der Kugelspritze vertauschten und in den Terror hinüberglitten – in dieser Gruppe war der Anteil der „Proletarier“ noch am höchsten. Mit dem intellektuell geprägten Kreis um Ulrike Meinhof, die aus politischem Engagement über radikale Theorien sozialer Gerechtigkeit zur blutigen Praxis fand, haben sie wenig gemeinsam. Und kaum etwas verbindet die Studenten, die im Sozialistischen Patientenkollektiv Heidelberg ihre psychologischen Schwierigkeiten als revolutionären Avantgardismus erlebten und verdrängten, mit den Hamburger Terroristen, von denen viele der sozialen Gerechtigkeit mit Hausbesetzungen nachhelfen wollten, oder mit den gläubigen Mitarbeiterinnen aus den Anwaltskanzleien, die zu Helfern der Konspiration wurden. Jede Gruppe hat anders gebündelte und gefärbte Motive und Erlebnisse.

Und wie unterscheiden sich die verschiedenen Terroristen-Generationen? Die erste um Ulrike Meinhof war aus der APO-Bewegung herausgewachsen. Sie versuchte zunächst noch zu erklären, zu rechtfertigen, sich verständlich zu machen. Dann kam die Generation der Stockholmer Attentäter, die in ihrem „Kochbuch“, einer Art Terrorismus-Handbuch, fröhliche Unmenschlichkeit à la James Bond kultivierten: „Dennoch wird sich kaum vermeiden lassen, einmal einen aufgedeckten Denunzianten umzulegen. Aber auch hier gilt, was die gute alte Oma Mao dazu sagte; BESTRAFE EINEN – ERZIEHE HUNDERT!“ Schließlich folgten die Mörder von Buback, Ponto und Schleyer, die wie ein Killer-Kommando der Mafia arbeiteten, politisch sprachlose Ingenieure der Erpressung und des Mordes, von Haß- und Rachegefühlen getrieben: „Wir haben“, so heißt es in einer Mitteilung nach dem Ponto-Mord, „in dieser Situation, in der Bundesanwaltschaft und Staatsschutz zum Massaker an den Gefangenen ausgeholt haben, nichts für lange Erklärungen übrig.“

Damit noch nicht genug der Fragen. Was eigentlich verbindet jene zwei, deren Zusammentreffen vielleicht die Initialzündung zum deutschen Terrorismus gab: Gudrun Ensslin und Andreas Baader – die Moralistin, die Untätigkeit nicht aushielt, und den Täter, der eine Moral benötigte? Was schließlich hat die Ulrike Meinhof des Jahres 1970, deren politische Erklärungen den Terroristen politisches Fanal waren und an denen immerhin auch ihre alten Freunde noch Nachdenkenswertes fanden, mit jener wahrnehmungs- und ausdrucksarmen Insassin von Stammheim gemeinsam, die mit rüder Selbstkritik ein wenig emotionale Zuwendung von ihren Mithäftlingen erbettelt?

„Die Terroristen“ – der Begriff zerfließt unter den Händen. Es gibt manche interessante Einzelbeobachtungen, aber sie erlauben kaum Verallgemeinerungen, geschweige denn erklärende Theorien.

Um beim Lächerlichen zu beginnen. Die Welt am Sonntag hat bemerkt, daß es unter den Terroristen eine Reihe von Pastorenkindern gibt: Gudrun Ensslin, Jörg Lang, Christine Kuby, Annette von Wedel. Die Zeitung rechnete aus, daß die evangelischen Pfarrer 0,07 Prozent der Arbeitnehmer ausmachen, ihre Kinder aber im Terroristenbereich mit vier Prozent beteiligt sind. Das Blatt kam so zu der Schlagzeile: „Pfarrerskinder, die sich der Gewalt verschrieben.“

Etwas ernsthafter schon: Jenes schwäbische gehobene Bildungsbürgertum wird als Terrorursprung dingfest gemacht, in dessen Familien ein turmhohes Über-Ich angebetet wird. Der diesem Ungeheuer genehme Lebensweg führt die Auserwählten heute nicht mehr in die Askese eines vergnügungsarmen Kapitalismus („schaffe, schaffe, Häusle baue“) oder in den strengen Dienst eines strafenden Gottes, sondern in einen ebenso pflichteifrig betriebenen freudlosen Terrorismus. Nun gibt es zwar relativ viele Terroristen baden-württembergischer Provenienz, aber so beherrschend sind sie nun auch wieder nicht, und was aus ihrem Familienleben bekannt ist, scheint relativ widersprüchlich. Bei genauerem Hinsehen bleibt vom angeblich typisch Schwäbischen nicht viel übrig.

Die Feststellung schließlich ist auch nicht viel wert, daß die Familien, aus denen die Terroristen stammen, etwas öfter Schäden aufweisen als die Druchschnittsfamilien („Schaden“ bedeutet hier Scheidung und früher Tod von Vater oder Mutter). Einmal sind die Fakten nur sehr unsystematisch gesammelt, und sie sagen noch gar nichts über die innere Struktur der Familien, nichts über ihr emotionales Klima.

Bisher hat das Sammeln der Daten und ihr Zusammenfügen zwar verschiedene Ansichten des Terrorismus geliefert, aber noch kein einheitliches Bild. Es ist keine Antwort auf die entscheidenden Fragen sichtbar geworden: Wie ist der Terrorismus entstanden? Wie läßt er sich bekämpfen oder heilen?

Die Psychologen helfen da auch nicht weiter. Eine psychologische Erklärung stellt ja auch weder die Terroristen selbst zufrieden noch jene, die in ihnen die größte Gefahr sehen. Die Terroristen selber verstehen sich als politisch Handelnde und wollen sich ihre politische Motivation durch Psychologen nicht relativieren oder gar wegerklären lassen. Manche ihrer Widersacher dagegen hätten, erklärte die Psychologie alles, keine politischen Sündenböcke mehr; sie hätten es mit gewöhnlichen Kriminellen zu tun oder noch schlimmer: mit Fällen für den Psychiater. Das Feindbild beider, der Terroristen wie der Antiterroristen, wäre empfindlich beschädigt.

Terrorismus als „Revolution der Gestörten“ – so der Psychologe Grossarth-Maticek – ist die griffige Formel für eine Erklärung, die den politischen Terrorismus zur fast zufälligen Ausdrucksform schwerer neurotischer Konflikte werden läßt. Andere Psychologen schätzen den Erkenntniswert der These, bei den Terroristen handele es sich um Neurotiker, geringer ein. Wolfgang Salewski, psychologischer Berater der Bundesregierung bei Terror-Aktionen, meint kühl und knapp: „Wenn wir akzeptieren, daß wir alle unsere Neurosen mit uns herumschleppen, dann sind auch die Terroristen Neurotiker,

Einig jedoch scheinen sich die Psychologen darüber zu sein, daß es bei den Terroristen eine Reihe von Charakteristika gibt, die wohl nicht bei allen gleichermaßen, aber doch ziemlich häufig zu beobachten sind. Sie werden als Störungen in den Beziehungen zur Umwelt beschrieben. Versucht man Salewskis Beobachtungen zu systematisieren, so sind es vor allem drei Charakteristika, die den Psychologen auffallen.

1. Gestörter Umgang mit den eigenen Emotionen, die sich in der Angst vor wirklichen Bindungen ausdrückt. Bommi Baumann, Terrorist der ersten Generation, später ausgestiegen, sagt das so: „Daß du dich für den Terrorismus entscheidest, ist schon psychisch vorprogrammiert. Ich kann es heute bei mir sehen, das ist einfach Furcht vor der Liebe gewesen, bei mir selber, aus der du dich flüchtest in eine absolute Gewalt.“ Die Schwierigkeiten der akademisch vorgeprägten Terroristen beschreibt Baumann in einer Mischung aus Mitleid und Spott: „Die Typen waren ja auch irgendwie noch verklemmt, mit Bräuten haben die es ja immer nicht gebracht, weil sie immer gleich noch so einen Anspruch mit aufgebaut haben.“

2. Gestörtes Verhältnis zur Autorität. Sie wird zunächst als feindlich empfunden. Baumann schildert seine Anfangsjahre folgendermaßen: „Als Linker hat man sich dann noch nicht gefühlt, aber alles, was dagegen war, war gut.“ Bei ihm ist noch lange sehr viel spielerische Herausforderung der Autorität dabei; der Tiger wird am Schwanz gezupft. Andere haben sich gleich von Anfang an mit dem Jagdschein der Ideologie auf die Pirsch gemacht, ausgefertigt von Gegenautoritäten mit marxistischer Denkweise: Die alten Autoritäten wurden zum Gegenstand der Verachtung, ihre Zerstörung ethische Pflicht. Bedingungslose Ablehnung der alten und ebenso bedingungslose Unterordnung unter die neue Autorität entsprechen sich. Dazu paßt es durchaus, daß innerhalb der Terroristengruppen am meisten Ansehen erwarb, wer sich am wenigsten Mühe gab, sie intellektuell und rational zu begründen: Andreas Baader zum Beispiel.

3. Gestörtes Verhältnis zur Identität. In den Worten Salewskis: „Irgendwann ist ihnen die Chance genommen worden, sich eine eigene Identität zu erarbeiten, und das versuchen sie jetzt gewaltsam nachzuholen“ – bis zum historischen Größenwahn. Als Beleg ein Zitat aus Baumanns Erinnerungen: „Wenn du auf der Höhe der Zeit bist, hast du dann so einen Geschichtsüberblick, daß du so ’ne Geschichten und solche Prozesse richtig analysieren und auslösen kannst. Und darin besteht auch eine Chance für eine Revolution, daß du aus diesem Bewußtsein heraus etwas machen kannst.“

Die künstliche Identität, dazu noch in einer Außenseiterrolle, bedarf dauernder Stützung. Daraus nicht zuletzt erklärt sich die ungewöhnliche Gruppenabhängigkeit der Terroristen. Peter Hofstätter konstatiert geradezu eine „Gruppensüchtigkeit“: „Sie bedürfen unaufhörlich der Bestätigung ihrer extremen Position durch Gesinnungsgenossen ... Wenn es ihnen gelingt, jeden Kontakt mit anderen Personen zu vermeiden, können die Verschworenen wahrscheinlich nahezu unangefochten an ihren Wahnvorstellungen beziehungsweise an ihrem Gruppenfanatismus festhalten. Er befähigt sie, wie die Hungerstreiks gezeigt haben, zu außerordentlichen Willensleistungen.“ Daher auch „die außergewöhnliche Empfindlichkeit für alle Maßnahmen der Kontaktbeschränkung, die sofort und landesweit – wo nicht international – als Isolationsfolter angeprangert werden“.

Alle drei Charakteristika lassen sich als Störungen der Persönlichkeitsentwicklung begreifen. So ist denn auch für den Kriminologen Gustav Nass der Terrorismus vor allem ein entwicklungspsychologisches Problem: „Die Hinwendung zum Anarchismus erfolgt fast immer beim Übergang von der Spätpubertät zum Erwachsensein.“ Seine Analyse klingt vertraut: „Der junge Mensch, der noch nicht zwischen dem Ideal und der Wirklichkeit zu unterscheiden gelernt hat, der nicht differenziert zwischen Wunschbild und Machbarem, erlebt die Diskrepanz zwischen der Welt der Ideen beziehungsweise Ideologien und der realen Welt, der etablierten Gesellschaft, ihrer Herrschaftsstrukturen und ihrer Unvollkommenheit als Schock. Die Reaktion darauf ist bei einigen die Flucht in die Anarchie.“ Etwas schärfer formuliert die Psychologin Elisabeth Müller-Luckmann diese Problematik: „Nicht gelernt haben, mit Frustrationen umzugehen“, ist für sie „ein Persönlichkeitsmerkmal, das sich bei fast allen sozial Entgleisten in ausgeprägter Weise finden läßt“. Gerade hochbegabte junge Menschen erleben und erleiden die Diskrepanz zwischen idealistischem Anspruch und desillusionierender Realität besonders stark. Das Kontingent der Sensiblen, der Idealisten in der Gruppe der Anarchisten sei groß.

Als Terroristen machen diese Hochbegabten freilich einen sehr eingeschränkten Gebrauch von ihrer Intelligenz. Nass spricht ihnen die Fähigkeit ab, ihre Handlungen und die Folgen vernünftig abzuwägen. Noch deutlicher drückt diesen Sachverhalt die Psychologin Müller-Luckmann aus. Sie stellt fest, daß „von der intellektuellen Fähigkeit, Alternativen zu sehen und flexibel auf unterschiedliche soziale Kontexte zu

reagieren, kein Gebrauch mehr gemacht wird. An die Stelle eigentlicher Denkoperationen tritt dann nur noch die Fähigkeit, organisatorisch das technisch ,Machbare‘ zu verwirklichen und in Handlung umzusetzen, was man als die einzige Wahrheit erkannt zu haben glaubt“. Einen „Erstarrungsprozeß“ beobachtet sie. Irgendwann im Fortschreiten dieses Prozesses „ereignet sich der Kontaktabbruch mit der bisherigen angestammten Welt. Vieles spricht dafür, daß sich dieser meist unbemerkt von der Öffentlichkeit vollzieht“.

Die Terroristen der ersten Generation dagegen gaben an, daß ganz bestimmte Ereignisse sie auf den Weg des Terrorismus gebracht hätten. Bei Gudrun Ensslin zum Beispiel war es die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg während der Demonstration beim Schah-Besuch in Berlin. Für Ulrike Meinhof war nach der Darstellung Jillian Beckers das Attentat auf Rudi Dutschke das entscheidende Erlebnis. Wahrscheinlich wissen viele Terroristen – schon aus Rechtfertigungsgründen – eine solche negative Erfahrung mit dem System zu nennen. Und es ist möglich, daß dabei nur ein schon lange vorher vorbereiteter Abbruch der Beziehungen zur vertrauten Welt plötzlich manifest wird. Jedenfalls gibt es auch Beispiele für unbemerkte Veränderungen: Susanne Albrecht, die sich und anderen Terroristen Einlaß im Hause Ponto verschaffte, ist nur der bekannteste Fall.

Verarmung? Sie beginnt schon in der Begriffsbildung. Müller-Luckmann nimmt an, „daß sich im Denken der Betroffenen zunehmend Abstraktionsprozesse primitiver Art abspielen“, die „solche Begriffe entstehen lassen, die man als grobe, detailarme, entindividualisierte Images im Sinn von Vorurteilsbildung bezeichnen kann“, beispielsweise die „Bullen“, „Charaktermasken“ usw. So verschieden die Begriffe der Bild-Zeitung sind, der Unterschied in der Methode ihrer Verfertigung scheint nicht sehr groß.

Von „Flucht“ spricht Nass. In der Tat ist eine merkwürdige Absetzbewegung von der Erwachsenenwelt zu beobachten, eine Regression, wie die Psychologen wohl sagen würden, die bis tief ins Sprachverständnis hineinreicht. Die Sprache wird nicht nur farblos und stereotyp; die Fähigkeit, in Metaphern zu denken, scheint zu versiegen. Die Bilder werden plötzlich wörtlich genommen. Das ganze martialische, oft grausame Vokabular, das bei der Bewältigung von Autoritätskonflikten durchaus seinen Sinn haben mag (wenn es entlarvend und befreiend, vielleicht auch erschreckend wirkt), aber eben nie wörtlich genommen wird, gerät plötzlich zur Realitätsbeschreibung. Aus Vergleichen, Bildern, darauf hat Hofstätter hingewiesen, wird unvermittelt blutiger Ernst: Die Kapitalistenschweine und die Polizeibullen werden tatsächlich behandelt wie Vieh. Mit solchen Deutungen gerät man schon in den Bereich der mehr psychoanalytisch gefärbten Erklärungen. Deren Grundform stellt Gerhard Mauz im Spiegel so dar: „Die Gewalt ist nur zu oft nichts anderes als unerledigte, unbewältigte eigene Kindheit oder Jugend. Sie ist nichts als die nicht abgeschlossene fortdauernde Auseinandersetzung mit den Verhältnissen, in denen man aufwuchs, mit den Eltern und den Geschwistern.“ Im Mittelpunkt aller solcher Interpretationsversuche steht dabei der Vater. So fragt denn Mauz auch: „Warum hat Susanne nicht ihren Vater erschossen?“ Seine Antwort: „Fürchterlicher als dadurch, daß sie an einem Attentat auf seinen Freund mitwirkt, hat Susanne Albrecht ihren Vater nicht treffen können.“

Vielleicht wird auf diese Weise eine vage Disposition zum Terrorismus gebildet. Margarete Mitscherlich bemerkt dazu freilich nüchtern: „Eine psychoanalytische Untersuchung kann nur eine begrenzte Erklärung für das Phänomen des Terrorismus abgeben.“

Über die speziellen Fähigkeiten und Leistungen der weiblichen Terroristen gibt es bissige und billige Aperçus die Fülle. Genauere Analysen sind seltener. So rügt Susanne von Paczensky die Zurückhaltung der Wissenschaftler auf dem CDU-Kongreß über den „Weg in die Gewalt“, sich über Wert und Wesen der Terroristinnen zu äußern, mit der spitzen Bemerkung: „In den veröffentlichten Beiträgen, die insgesamt 219 Seiten umfassen, nimmt die Betrachtung der weiblichen Terroristinnen exakt achtzehn Zeilen ein, die in dem Goethe-Zitat gipfeln: „Denn geht es zu des Bösen Haus, das Weib hat tausend Schritt voraus.’“ Das Verdikt „patriarchalisch“ fällt Erwin K. Scheuch mit seinem Satz: „Den Führerinnen der Baader-Meinhofs werden lesbische Neigungen nachgesagt, und das Führen und Benutzen von Schußwaffen dürfte der entscheidende äußere Bruch mit der abgelehnten Weiblichkeit sein.“ Nicht anders urteilt der Verfassungsschutzchef a. D. Günther Nollau: „Ein Exzeß zur Befreiung der Frau.“

  • Margarete Mitscherlich-Nielsen räumt ein, daß es „für manche Terroristinnen ein primitiver Triumph sein (mag), wenn sie erlebten, daß die Verhältnisse sich umdrehen und Männer vor ihnen und ihrer Gewalttätigkeit zu zittern beginnen. Die terroristischen Einzelaktionen der letzten Zeit richteten sich immer gegen Männer (Lorenz, Buback, Ponto, Schleyer), die, wenn sie als Geiseln entführt, in ihrer Schwäche und Hilflosigkeit bloßgestellt, verhöhnt und der Öffentlichkeit in ihrem Elend preisgegeben wurden“. Diese Vermutung liegt nahe, zwingend ist sie jedoch nicht.

Helga Einsele, die als Leiterin der Frankfurter Haftanstalt Erfahrungen mit Terroristinnen der ersten Generation gesammelt hat, urteilt eher skeptisch: „Es macht nicht den Eindruck, daß diese Frauen sich als Frauen durch ihr Handeln aus ihrer traditionellen Rolle befreien wollten.“ Politische Ziele seien bei ihnen erkennbar, „jedoch kaum solche frauenemanzipatorischer Art“. Tatsächlich wird das Problem der Emanzipation, der Gleichberechtigung der Frau, in den Schriften der RAF überhaupt nicht erwähnt. Über den Feminismus scheint in der Bundesrepublik bisher keine Karriere zum Terrorismus zu führen.

Bei jenen, die sich der politischen Gewalttat zugewandt haben, muß also noch etwas hinzutreten zum Studierthaben, zur übersteigerten Sensibilität, zum Feminismus, was erlaubt, die individuelle Störung mit gesellschaftlichen und politischen Zuständen in Zusammenhang zu bringen.

Hofstätter bemerkt: „Es fällt schwer, Eltern Achtung entgegenzubringen, die im Verdacht der Mitschuld oder zumindest des Versagthabens stehen, und diese Einstellung generalisiert mit ziemlicher Sicherheit vom leiblichen Vater auf ‚Vater Staat‘.“ Hier wird die Verhärtung zwischen den familiären und den „gesamtgesellschaftlichen“ Verhältnissen sichtbar. Bei Hofstätter scheint es vor allem mangelnde Selbstsicherheit der Elterngeneration zu bedeuten und daraus resultierend mangelnder Mut zur Erziehung.

Jillian Becker spricht in ihrem Buch „Hitlers Kinder“ von der „vaterlosen Generation“, „nicht nur wegen der vielen Männer, die im Zweiten Weltkrieg gefallen sind, sondern weil die Väter damit beschäftigt waren, das Wirtschaftswunder in Gang zu bringen. Aber wichtiger noch: Die Autorität der Väter war durch den NS-Polizeistaat geschwächt worden. Lange über die Zeit des Zusammenbruchs hinaus war die Elterngeneration gebrandmarkt: Sie hatte, unentschuldbar und auf schreckliche Weise, unrecht getan“. Worauf Jillian Becker zu Recht hinweist, ist die Tatsache, daß es sich hier um die Kinder der Hitlergeneration handelt. Gegen diese Generation bäumte sich die nachfolgende auf.

„Wenn ich sagen sollte, wie für mich alles angefangen hat“, so schrieb Horst Mahler in seiner Auseinandersetzung mit dem Terrorismus, „fiele mir der Faschismus ein. Äußerliches war ich ihm entronnen; aber-noch danach war alles von seinem Schatten überzogen... Ich wollte einer von den ‚anderen Deutschen‘ werden.“ Gudrun Ensslin wird der Satz zugeschrieben: „Wie kann man noch mit Leuten reden; die für Auschwitz verantwortlich waren!“

Insgesamt ist wohl richtig: Ein ungewöhnlich harter Generationenbruch hat günstige Vorbedingungen für politischen Extremismus und für den Terrorismus geschaffen. Aber dieses gestörte Verhältnis zwischen den Generationen erklärt auch noch nicht ausreichend die politische Richtung des Protests – und schon gar nicht den Weg in die Gewalt, den einzelne der Protestierenden eingeschlagen haben – dieselben, die aber der Elterngeneration Gewaltausübung vorwarfen.

Gewalt, gar blutige Gewalt bedarf der Rechtfertigung, vor allem dann, wenn die Akteure sie ernst lernen müssen. Bommi Baumann erzählt: „Wir haben mit der Gewalt von Kindesbeinen an gelebt, das hat eine materielle Wurzel. Wenn Zahltag ist, der Alte kommt besoffen nach Hause und verprügelt erst mal seine Alte, das sind doch die ganzen Geschichten. In der Schule, da keilst du dich; sich mit den Fäusten durchzusetzen, das ist für dich eine ganz normale Sache; du keilst dich auf der Arbeitsstelle, du keilst dich in Kneipen ... Für dich ist Gewalt eine ganz spontane Sache, die du ganz leicht abwickeln kannst.“

Anders dagegen, so meint Baumann, war es bei denen, die nicht wie er der Arbeiterklasse entstammten: „Die Studenten hatten damals ziemliche Schwierigkeiten, sich gegen Bullen zu wehren, einfach von ihren Erziehungsgeschichten her...“ Wenn sie aber Gewalt einsetzten, wenn sie die Schwelle der Bedenken überwunden hatten, dann taten sie es ohne Hemmungen und gerechtfertigt vor allem durch Theorien.

Mit welchen Begriffsvehikeln wird die Gewalt erreichbar, wie die Rechtfertigung der Gewalt erreicht? Sie wird möglich, wenn sie als unvermeidbare Konsequenz eines Kampfes der Guten gegen die Bösen erklärbar ist. Völlig zutreffend hat Hermann Lübbe, an den Jugendterror der Französischen Revolution erinnernd; den Terrorismus eine „Praxis der Tugend“ genannt, „die ihre Legitimität unmittelbar aus unseren höchsten Zwecken bezieht... Die subjektive Bedingung der Möglichkeit des Terrors ist das gute Gewissen. Nur in der Reinheit des Gewissens erträgt man, was im Vollzug des Terrors krude Faktizität ist“.

Eine dafür taugliche Schwarz-Weiß-Erklärung der Welt liefert ein primitiver militanter Marxismus. Er bildet denn auch den vagen ideologischen Hintergrund des „Sozialrevolutionären“ Terrorismus in der Bundesrepublik. Eine primitivmarxistische Einfärbung des Terrorismus läßt sich jedenfalls nicht leugnen. Daß aber marxistisch beeinflußtes Denken zum Terrorismus führen müsse, bestreiten andere Wissenschaftler, etwa Iring Fetscher, mit Vehemenz. Zu Recht. Immerhin existieren in Frankreich zwei große Parteien, von denen eine fast ausschließlich, die andere sehr stark von Marxismus geprägt ist; gleichwohl gibt es in unserem Nachbarland keinen nennenswerten eigenständigen Terrorismus. Vielleicht gerade weil der Marxismus dort offen zur Wahl und zur Kritik steht?

Auf einen speziellen, aber für die Bundesrepublik besonders wichtigen Aspekt hat der Zeitgeschichtler und Politologe Karl Dietrich Bracher hingewiesen: Faschismus und Totalitarismus wurden in eins gedacht, der Sozialismus, marxistisch interpretiert, geriet zum Gegenbegriff für beides. Der Faschismusbegriff wurde dabei „uferlos ausgeweitet“. Faschismus, Imperialismus, Kapitalismus, parlamentarische Demokratie verknüpften sich zu einem Syndrom politischer Krankheit, das allen politischen Übeln zugrunde liegt. Auf solche Weise wurde Faschismus ein beliebig verwendbares Instrument zur Benennung jenes Bösen, das notfalls auch mit Gewalt bekämpft werden muß. Und unter dieses Verdikt „faschistisch“ fiel dann sogar ein relativ liberaler Rechtsstaat wie die Bundesrepublik, nebst dessen Repräsentanten. Einige Denkfiguren halfen dabei.

1. Die Neue Linke redete von der „formalen“ Demokratie als Gegenbild zur „realen“ Demokratie, wobei reale oder auch erfüllte Demokratie die ausgebildete Praxis des Sozialismus bedeutete, Hinter diesem Idealbild muß in der Tat jede Wirklichkeit weit zurückbleiben. Dabei geht dann zugleich die Erkenntnis verloren, daß Offenheit, damit zwangsweise auch Unsicherheit über den richtigen Weg Vorbedingungen einer freien Gesellschaft sind; der Pluralismus wird einer für wahr gehaltenen, einlinigen Politik geopfert, auf die alle – wiederum: notfalls auch mit Gewalt – verpflichtet werden. „Freiheitliche Demokratie“, so formuliert der Politologe Hättich die Gegenthese, „muß notwendigerweise weitgehend formal sein, und zwar gerade wegen ihrer Wertgebundenheit an Menschenwürde und Freiheit.“ Seine These: Solche Demokratiekonzepte stellen für rigoristisch veranlagte Leute einen „Appell zum Verlassen der Rechtsgemeinschaft“ dar.

2. Wie der Demokratiebegriff, darauf hat vor allem der Politologe Graf Kielmansegg aufmerksam gemacht, so wird auch der Gewaltbegriff aus den Verankerungen der Konventionen gerissen und disponibel gemacht. Johan Galtungs Konzept der „strukturellen Gewalt“ leistet dabei Hilfe. Gewalt wird damit allgegenwärtig. Das hat, nach Kielmansegg, zwei Konsequenzen: „Die eine: wer zur Gewalt greift, überschreitet keine Grenze..., die zweite: es gibt keine politische Ordnung, die nicht als illegitime Gewaltherrschaft begriffen werden könnte, und das heißt: Gegengewalt kann immer gerechtfertigt werden.“

Eine ähnliche Hilfe zur Rechtfertigung der Gewalt leistet Herbert Marcuses Konzept der „repressiven Toleranz“. Die Toleranz wird als Mittel der geschmeidigen pseudo-pluralistischen Herrschaft definiert. Von diesem Ausgangspunkt gelangt man unschwer zu der These, daß es „für unterdrückte und überwältigte Minderheiten ein ‚Naturrecht‘ auf Widerstand gibt, außergesetzliche Mittel anzuwenden, sobald die gesetzlichen sich als unzulänglich herausgestellt haben... Wenn sie Gewalt anwenden, beginnen sie keine neue Kette von Gewalttaten, sondern zerbrechen die etablierte“. Bringt man diese These mit Marcuses Definition von „befreiender Toleranz“ in Verbindung (sie nämlich „würde Intoleranz gegenüber Bewegungen von rechts bedeuten und Duldung von Bewegungen von links“), so ist der Kurzschluß naheliegend: Linke Minderheiten (womöglich solche, die sich als revolutionäres Subjekt verstehen) haben das Recht, ja die Pflicht zum Widerstand. In der weiteren Entwicklung des Terrorismus wurde Marcuse, dessen Verständnis ein erhebliches Maß von Nachdenken, von Differenzierungsvermögen verlangt, durch die mehr praxisorientierten Lehren der Guerilla-Kriegführung ersetzt. Nicht mehr die Rechtfertigung der Gewalt, sondern deren Anwendung interessierte die Terroristen.

3. Ein drittes Instrument bei der Geburtshilfe der Gewalt war das Konzept von „Frustration und Aggression“, wie es amerikanische Verhaltensforscher entwickelt hatten. In seiner primitivsten Form besagt es, daß Aggression immer eine Folge von Frustration ist. „Je größer die sozialen Ansprüche sind“, so beschreibt Manfred Funke fast gleichlautend wie Walter Laqueur den Mechanismus, „und je weniger sie befriedigt werden, um so größer wird die systemimmanente Frustration.“ Angewandt auf das politische System bedeutet dies: Die Gesellschaftsverhältnisse müssen geändert werden, dann stellt sich auch Zufriedenheit ein. Wer sich gegen die Veränderung der Verhältnisse wehrt, ist entweder unwissend oder böswillig. Auch hier wird das eigene Gewissen entlastet: Persönliches Versagen wird als Folge der gesellschaftlichen Verhältnisse erklärt, persönliche Verzweiflung wird gesellschaftliches Produkt, Gewaltanwendung das Notrecht der Verzweifelten: „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“

Die Verwirrung der Begriffe reicht jedoch nicht aus, um zu erklären, wie der Terrorismus entstand oder wer ihn verschuldet hat. Eine akzeptable, bescheidene Analyse dieses Zusammenhangs hat Hättich in einem Bild geliefert: „Die Bühne, auf der Gewaltsamkeit und Terrorismus sich abspielten, wäre ohne die von der radikalen Demokratiekritik gestellten Kulissen nicht zureichend beschrieben. Und wenn diese Kulissen zum Stück passen, dann wird die Beziehung nicht dadurch aufgehoben, daß sie ursprünglich nicht für dieses Stück gefertigt wurden.“ Sie sind nicht wirkungslos. Es empfiehlt sich, mit ihnen ebenso sorgfältig umzugehen wie mit Taten. Nur sind Begriffe, Worte gegen Gebrauch und Mißbrauch schwer zu schützen. Was ist nicht alles als Theorie des Terrorismus verwendbar! Laqueur erinnert daran: „Im Programm der Narodnaja Volja (der russischen Terroristen zur Zarenzeit), das bei ihrem ersten Treffen im Juni 1879 in Lipetsk entworfen worden ist, stand wörtlich: ‚Wir werden mit den Mitteln Wilhelm Teils kämpfen ...‘ Alle hatten Schiller gelesen, der Generationen von progressiven Russen so sehr am Herzen lag, daß sie die Schriften in tyrannos oft sogar auswendig kannten.“

Böll wird der Vorwurf gemacht, er habe mit seinem Buch über das Schicksal der Katharina Blum mitgeholfen, die Gewalt zu enthemmen. Hofstätter schreibt: „Es gibt einen verbalen Gewöhnungsprozeß im Vorfeld der Tat, durch den anerzogene und vielleicht auch instinktive Hemmungen abgebaut werden.“ Ein Vorwurf, der in vielen Variationen auf viele Autoren gemünzt in der unsäglichen Diskussion über die „Sympathisanten“ immer wieder auftaucht.

Wenn aber in Bölls Roman berichtet wird, ein Mensch begegne so viel Zynismus und Ungerechtigkeit, daß er, ein einfaches Gemüt, nichts anderes mehr zu tun wisse, als zu morden – ist das eine Rechtfertigung des Mordes oder nicht vielmehr der Appell, Lebensbedingungen verhindern, in denen Morde geschehen? Man kann zu Recht zweifeln, ob Böll da ein guter politischer Erziehungsroman gelungen ist; daß eine solcherart moralisierende Literatur (einschließlich ihrer Mißverständnisse) möglich sein muß, sollte indes unzweifelhaft sein. Ein großer Teil der Klassik besteht schließlich darin, daß die Helden auf sehr nachfühlbare Weise Unrecht tun. Im übrigen ist kein Terrorist bekannt, der seine Rechtfertigung von Böll bezogen hätte.

Irgendwelche Rechtfertigung findet, wer diese Gesellschaft, ihre Ordnung mit Gewalt attackieren will, wahrscheinlich immer. Interessant ist also nicht so sehr, daß Rechtfertigungskonzepte gefunden wurden, sondern vielmehr die Frage: Warum gerade diese? Was macht sie so verführerisch – verlockender als Schillers Tyrannenschelte oder Bölls Zorn über einige Herren der öffentlichen Meinung? Alle diese Konzepte haben eine Geschichte, die vor dem Terror begonnen hat. Ihre Explosivität ist ohne diese Entwicklung nicht verständlich.

Die Ausuferung der Faschismustheorie ist ja nicht nur das Werk geschickter kommunistischer Propagandisten. Ihre Akzeptierung und ihre Wirkungsmöglichkeit wird nur begreiflich, wenn man sich erinnert, daß viele jahrelang ein primitiver Antikommunismus (der auch ein verkappter Antisozialismus war) unwidersprochen offizielle Staatsdoktrin unseres Landes war – daß aber die Auseinandersetzung mit dem Faschismus aktiv nie bewältigt, sondern nur verdrängt worden ist. So ganz von ungefähr und ohne Vorbereitung kam der Umschlag der Totalitarismustheorien nicht.

Die „formale Demokratie“ war ebenfalls nicht nur eine heimtückische Erfindung der Neuen Linken. Daß die formalen Rechte der Demokratie durch reale Möglichkeiten der Teilhabe, der sozialen Absicherung, des Einkommens ergänzt werden müssen, war das Credo aller sozialliberalen Reformer. Auch wer einräumt, daß die liberalen bei der Organisation dieser Möglichkeiten nicht immer eine glückliche Hand hatten, kann kaum bestreiten, daß eine Ordnung hatten, daraufhin überprüft und auch korrigiert werden muß, wie weit demokratische, Ansprüche und Rechte real existieren. Jede Ordnung ist dieses Maßstabs, dieser korrigierenden Utopie bedürftig, damit sie nicht verdirbt. Und genau darüber hatte man in den ersten, fünfzehn Jahren der Bundesrepublik nicht mehr nachgedacht. Es kam nicht von ungefähr, daß der Begriff der formalen Demokratie plötzlich Anklang fand.

Und auch die Entgrenzung der Gewalt ist ja nicht von der Studentenbewegung erfunden worden. Es ist das älteste Thema der Politik. Gewalt als Mittel zeitgenössischer westlicher Politik ist in der Bundesrepublik wie anderswo spätestens im Vietnamkrieg fragwürdig geworden. Wenn „die moralischen Argumente des Vietnamprotests zum größten Teil nur vorgeschoben waren“, wie Ernst Topitsch meint – wie eigentlich wäre die gewaltige Initialzündung des Vietnamprotests dann zu erklären? Daß die Vietcong auch grausamer waren, machte den Schock ja nicht geringer. Was zerbrach, das war die unterstellte Einheit von Moral und Macht. Viele Bundesbürger – und gerade die jüngeren, geschult an der Umerziehungsliteratur – hatten daran geglaubt Das Massaker von My Lai war darin nicht vorgesehen! Und sie wandten sich nun einer anderen Doktrin zu, die ihnen, wie sie glaubten, diese Einheit zurückbrachte, die nicht nur in wenigen glücklichen Regionen oder für wenige Privilegierte galt, sondern überall und für alle.

Wer sich die Geschichte all dieser Begriffe vor Augen führt, erkennt Entwicklungsstränge, die zu gewalttätigen politischen Extremen hinführen. Aber wie zwingend eigentlich? Es gibt schließlich viele Menschen, die sich diese Begriffe zu eigen gemacht, aber doch vor der Gewalt zurückgeschreckt sind. Wer genauer hinschaut, erkennt, daß eine Reihe dieser Begriffe in einem anderen politischen Kontext nützlich, ja notwendig waren. Ihre Tabuisierung ist ebenso fatal wie ihre einfällige Verwendung; der Umgang mit ihnen muß gelernt werden.

Wer ist schuldig? Gewiß haben da manche unverantwortlich vor sich hingeredet und damit auch sinnloser Gewalt Vorschub geleistet. Aber sind diejenigen weniger schuldig, die dafür gesorgt haben, daß die Worte glaubhaft, plausibel wurden?

Vollends absurd wird es, wenn etwa Ministerpräsident Filbinger, wie manche seiner Parteifreunde, auch die Frankfurter Schule für den Terrorismus haftbar macht. Die Terroristen haben allenfalls ein paar Schlagworte von Marcuse aufgeschnappt, im übrigen war ihnen die kritische Theorie ein böhmisches Dorf. Wenn diese Theorie irgend etwas bewirkte, dann vor allem, daß sich der Zweifel wie Mehltau auf Entschlußfreudigkeit und Handlungswillen legt. „Keine höhere Gestalt der Gesellschaft“, das war die Überzeugung Adornos, „ist, zu dieser Stunde, konkret sagbar; darum hat, was sich gebärdet, als wäre es zum Greifen nah, etwas Regressives.“ Das ist eindeutig, wenn auch etwas kompliziert ausgedrückt. Vielleicht zu differenziert für Hans Filbinger, der den Frankfurtern Verwirrung der Begriffe vorgeworfen hat. Dieser Vorwurf freilich ist so alt wie die Philosophie, und ebenso alt ist auch die Arroganz der Mächtigen: Wem Gott Macht gibt, gibt er offenbar auch ein fragloses Weltbild.

Es bleibt immer noch bei dem höchst unbefriedigenden Ergebnis, daß weder die Ursachen des Terrorismus, geschweige denn die Schuld daran klar erkennbar wird. Sehr viele haben zu verschiedenen Zeiten und auf verschiedene Weise dabei mitgewirkt, daß der Terrorismus möglich würde. Das Versagen vor neototalitären Tendenzen von links liegt allerdings zeitlich näher und ist besser wahrnehmbar.

Noch sehr klar vor Augen hat Hermann Lübbe, Professor für Philosophie und Politik, wie die Autoritäten vor rabiaten ideologischen Attacken und vor der psychischen Gewalt zurückgewichen sind. Feigheit und Opportunismus haben gewiß eine große Rolle gespielt in jenen Tagen, nicht nur für „die Politiker, die von den Parlamentstribünen herab die plötzlich auftretende Formen neototalitärer politischer Aggressivität als Ausdruck kritischen Engagements privilegiert haben. Viele sind tatsächlich den begründeten Widerstand und dann den Widerspruch schuldig geblieben, auf den die jugendlichen Politprovokateure geradezu einen Anspruch gehabt hatten.“

Dies freilich ist auch eine sehr selektive Erinnerung. Und ziemlich unbeantwortet bleibt die Frage, warum eigentlich Widerspruch und Widerstand ausblieben. So leicht lassen sich ja die Inhaber der Ordnung im allgemeinen nicht einreden, sie hätten unrecht. Dazu sind die linken Meinungsmacher in den Medien, die Topitsch und Lübbe als Sündenböcke ausmachen, allein bei weitem nicht fähig, Sie vermögen es nur dann, wenn sie schon auf Unsicherheit treffen. NS-Zeit, Niederlage, Wirtschaftswunder –, es gab ja in der Tat Gründe für ein schlechtes Gewissen. Jedenfalls war die Generation, die solches erlebt hat, ziemlich unfähig, die Fragen zu beantworten, die von den Jugendlichen gestellt wurden. Denn das war die APO neben einer politischen Provokation ja auch noch: der tumultuarische Versuch, Antwort auf die Sinnfragen der Politik zu erhalten. Meist aber wurden die Frager mit der Antwort abgespeist, es sei verboten, die Regeln zu verletzen. Selten ist gründlicher aneinander vorbeidiskutiert worden.

Schuld im normalen Verständnis greift da als Erklärung viel zu kurz. Die kostbarste Erfahrung der Kriegsgeneration war ja Skepsis, Vorsicht gegenüber verführerischen Ideen. Sie hatte sich weithin aufs Private zurückgezogen. Der Rahmen parlamentarischer Demokratie war vorgegeben; das System war akzeptiert, weil es von den Siegern kam, gebilligt, weil es Sicherheit und Wohlstand gebracht hatte. Diese Mischung aus Verhärtung und Skepsis aber machte die Kriegsgeneration fast unfähig zur politischen Erziehung; sie bot der Jugend weder die Chance zur Identifikation noch zur Auseinandersetzung. Schuld? Hätte die Generation, die so vieles erlebt und erlitten hatte, noch mehr leisten können?

Und unfähig zum Dialog war ja auch die APO-Generation, die einer mit vielen Wenn und Aber abgefederten Realpolitik überdrüssig war und darin immer mehr Zynismus und Heuchelei zu erkennen glaubte; sie vermochte die Skepsis der Älteren nicht zu begreifen. Schuld? Hätte die Generation, die nur dieses erlebt hatte, anders reagieren können?

Schuld, persönliche Schuld gab es sicher in vielen Fällen; bei denen, die den Protestierenden, Suchenden nach dem Munde redeten, und bei jenen, die eine Antwort verweigerten. Wiederum gilt: die Schuldigen sind nicht so ohne weiteres dingfest zu machen, auch nicht die Schuldlosen, die Retter. Wer hat mehr zur Vermeidung des Terrorismus getan – jene, die, vielleicht selber irrend, ein Stück Weg mit den Suchenden gingen und viele von ihnen zurückführten, oder die anderen, die den Weg zu blockieren versuchten und all jene nie mehr erreichten, die sich durch die Sperre anschickten?

Besteht vielleicht ein Zusammenhang zwischen bestimmten Zuständen der Gesellschaft und dem Auftreten des Terrors? Die naheliegende These, daß Terrorismus das Ergebnis mangelnder politischer Freiheit ist, erweist sich leider als höchst zweifelhaft. Terrorismus gibt es in sehr wenig liberalen Ländern und in sehr liberalen. Nur in einer ganz bestimmten Sorte von Ländern fehlt er völlig: in funktionierenden Diktaturen. Bloß, was fängt man mit dieser Auskunft an? Das gelegentliche oder auch öftere, ja sogar das lange währende Auftreten von Terrorismus kann ja nicht der Grund oder Rechtfertigung dafür sein, ein autoritäres oder diktatorisches Regime einzuführen.

Selbst die Feststellung, daß nicht von ungefähr gerade in den Ländern des ehemaligen Kriegsbündnisses – Deutschland, Italien, Japan – der Terrorismus so virulent sei, ist mit Vorsicht zu betrachten, Sie gibt vielleicht eine Erklärung, warum in diesen Ländern eine bestimmte Art des Terrorismus relativ stark vertreten ist, aber sagt nicht genug über die generellen Ursachen des Terrorismus. Eine Theorie wird daraus nicht. Sie gälte nur für die Sozialrevolutionären Terrorgruppen in hochindustrialisierten Ländern. Sie vernachlässigte, daß sich auch dort der Terrorismus nicht auf die drei Länder beschränkt. Und sie hätte keinen Platz für die russischen Anarchisten des letzten Jahrhunderts, die einer vorindustriellen Gesellschaft entstammten, aber in sehr vielen Merkmalen den Terroristen in den Industrieländern gleichen.

Sollte vielleicht der Lebensstandard und das Maß an sozialem Fortschritt Einfluß auf das Entstehen des Terrorismus haben? In den unterentwickelten Ländern Südamerikas bildeten Armut und soziale Ungerechtigkeit den Nährboden des Terrorismus. Drastisch erfahrbare soziale Ungerechtigkeit und Unsicherheit wie in Italien vergrößern sicher seine Chancen. Aber sie erklären ihn nicht ausreichend. Es gibt viele Länder mit mehr sozialer Ungerechtigkeit, mehr Elend als Italien, und in diesen Armutsregionen existiert kein Terror. Terror ist weder eine Funktion des Lebensstandards, noch ist er das zwangsläufige Ergebnis sozialer Ungleichheit. Er scheint überall zu gedeihen. „Kaviarfresser“, nannte Susanne Albrecht die Freunde ihrer Eltern. Fast ist man versucht, mit George B. Shaw zu fragen: „Sie haben genug zum Essen, sexuelle Freiheit und Klosetts mit Wasserspülung. Warum, zum Teufel, sind sie nicht glücklich?“

Nun wird vorgeschlagen: Bekämpfung des Terrorismus durch Heilung all jener Störungen persönlicher, sozialer und politischer Art, aus denen er wächst. Wie kann das geschehen? Der Theologe Kasch macht den Vorschlag: „Es ist Zeit für Gott... wir müssen wieder lernen, nach dem Willen des Schöpfers in den Gesetzen der Schöpfung zu fragen.“ Wie, fragt man? Wen fragt man da? Bittet man Kaschs Kollegen um Antwort, dann wird hinter dem numinosen Gottschöpfer vor allem eins deutlich: der Status quo, noch genauer: der Status quo ante, Sie reden mit metaphysisch aufgeblasenen Backen von Gott und meinen in Wirklichkeit die Ordnung von vorgestern.

„Wenn es Gott nicht gibt“, so klagt der katholische Sozialethiker Martin Rock, „dann ist alles erlaubt.“ Deshalb fordert er, „sämtliche Quellen anarchistischen Denkens und Sinnens müssen zum Versiegen gebracht werden.“ Und wie geht das vor sich: „Der Bogen spannt sich von bereits in früher Kindheit einzuplanender Einübung der Freude über das klare Bekenntnis zu geltenden Normen und Werturteilen bis zur angemessenen Bestrafung von terroristischen Taten,“ So ähnlich, nur mit etwas mehr Polemik gegen Linke und Sozialisten versetzt und mehr auf das Feld staatlicher Tätigkeit konzentriert, würde es die Union auch sagen.

Richtige daran erscheint, daß es eine ganze Palette von Maßnahmen zur Bekämpfung, Heilung oder Prävention des Terrorismus gibt, die sehr verschiedenen Zielgruppen gelten. Was aber die eigentlichen Terroristen angeht, so sind die Heilungschancen gering. Hier heilt wohl mehr die Zeit, weil die terroristische Energie im Alter nachläßt. Um Bekämpfung also handelt es sich da vordringlich, vor allem um den richtigen Polizeieinsatz, und die Unterbrechung der internationalen Verbindungen.

Im übrigen aber gerät die Wissenschaft, soweit sie praktisch verwertbare Vorschläge produzieren soll, hier an ihre Grenze. Es gibt, wie wir gesehen haben, keinen bestimmten Tätertyp, keine zwingende psychologische Disposition. Es findet sich keine genau bestimmbare Gesellschaftsform, die Terrorismus ausbrütet. Sehr verschiedene Karrieren führen in den Terrorismus, die an verwertbaren Verallgemeinerungen nur so viel erlauben, wie man ohnehin schon weiß. Die Forschung kann, vielleicht Geschehenes einleuchtend erklären Geschehenes vermag sie nicht zu prognostizieren.

Gleichwohl muß sich! die Wissenschaft an zwei Fragen versuchen. Einmal: Ist es möglich, den verzweifelten, utopischen politischen Extremismus zu verhindern, aus dem sich der Terrorist mus rekrutiert? Zum zweiten: Ist es möglich, Extremisten daran zu hindern, Terroristen zu werden. Beides läuft auf eine dritte Frage hinaus: Wie können die Terroristen isoliert werden?

Die Isolation besorgen die Terroristen selber wohl am wirkungsvollsten: durch ihre Grausamkeit und durch den Umstand, daß der Nutzen dieser Grausamkeit politisch nicht mehr greifbar zu machen ist. Das Guerilla-Konzept, das schon in Südamerika selten und mit Ausnahme Kubas nie lange funktioniert hat, bewirkt in den Großstädten der Industriestaaten das Gegenteil dessen, was Sozialrevolutionäre wünschen. Die Beziehung zu linken Intellektuellen reißt ab, die zu den Massen hat nie bestanden und wird nie erreicht. Deshalb schrieb Frank Dingel, dem mangelnde Radikalität kaum vorzuwerfen ist (in der „Zeitschrift für sozialistische Diskussion“), „daß derjenige, der den Faschismus will, die RAF unterstützen muß“. Er ist nur einer von vielen, die sich so von den Terroristen distanziert haben. Ganz ähnlich argumentiert auch Ei-Terrorist Horst Mahler: Die Terroristen förderten „eine Entartung des Staatsapparats zu einer faschistischen Gewaltmaschine“. Funk urteilt: „Das gegenwärtige Gebaren der westdeutschen Terroristen“, so urteilt Funk, „verfällt geradezu dem Leninschen Verdikt über den linken Radikalismus als Kinderkrankheit des Kommunismus. Weder werden revolutionäre Prozesse gefördert noch Anhänger rekrutiert.“

Die Sympathisantenszene hat sich inzwischen offenbar drastisch verkleinert, wiewohl sie aktiver geworden ist. Die aktiven Gruppen zur Unterstützung der Terroristen entstanden, so beschreibt Sepp Binder die Entwicklung, „aus den .Komitees gegen Folter’, die von Anwälten 1973 initiiert worden sind... Die ,Folterkomitees’ wechselten seit 1976 ihren Namen. Im Frühjahr 1978 bestanden als aktive Gruppen noch insgesamt rund 120 Anhänger: die Antifaschistische Gruppe‘ in Kaiserslautern und Berlin; die ‚Rote Hilfe‘ in Frankfurt/Wiesbaden; die Gruppe ,Wildes Huhn‘ in Salzgitter; das Solidaritatskomitee für politische Gefangene in Hamburg. Vor allem aus diesem Rekrutierungsfeld des Terrors hat sich die jüngste Terroristengeneration seit 1976 gebildet“.

Selbst bis in diese Gruppen hinein wird offenbar die politische Zweckmäßigkeit des RAF-Terrors diskutiert. Ihnen die Vortrefflichkeit oder auch nur relative Erträglichkeit, der bundesrepublikanischen Ordnung vor Augen zu führen, wäre wohl vergebliche Liebesmüh. Was sie am Überwechseln in den Terrorismus hindern kann, ist zweierlei: eine hohe Wahrscheinlichkeit, gefaßt zu werden und die Erkenntnis der Sinnlosigkeit der Gewaltanwendung. Für das erste ist die Polizei zuständig, für das Zweite sind vermutlich nur linke Sozialisten geeignet, denn sie allein haben überhaupt noch eine Chance, verstanden zu werden.

So gesehen war die Behandlung des Mescalero-„Nachrufs“ auf Buback wohl mehr Folge der Entrüstung als Ergebnis politischer Klugheit. So verwahrlost, so unmenschlich die Sprache dieses Pamphlets klingt – es stellte den mühsamen, unbeholfenen Versuch dar, aus dem Teufelskreis der Gewalt herauszufinden. Die Verfasser und manche seiner Verbreiter sind auf die Qualitäten der Bundesrepublik kaum ansprechbar, auf den politischen Nutzen und Schaden der Gewalt schon.

Der Mescalero-Autor gehört wahrscheinlich nicht zu den eng mit den Terroristen verknüpften Gruppen (sie stellen sozusagen den legalen und halblegalen Teil der Organisation). Er zählt zu dem großen Protestpotentials, das mit der Bezeichnung „links“ nur sehr unvollständig beschrieben ist, Da sind einmal an den Universitäten, wie Wolf Dieter Narr geschildert hat, Tausende, die in einem Getto leben, zwar mit linken Schlagworten noch versehen, aber ansonsten mit unpolitischem Autismus beschäftigt, ohne Perspektive und mit wenig beruflichen Chancen. Daneben gibt es militante K-Organisationen, deren innere Struktur manche konspirativen Züge hat, die aber öffentlich wirken wollen, meist zusammen mit irgendeiner „Basis“, seien es Kollegen am Arbeitsplatz oder Teilnehmer an einer Bürgerinitiative.

Mit Gesetzen ist der Gettoisierung eines Teils der Studenten kaum entgegenzuwirken. Wer dieses Potential des Extremismus abbauen will, muß Zugänge finden, verstehen lernen, muß den Dialog suchen. Und bessere Zukunftsaussichten zu schaffen, würde sich gewiß auch empfehlen. Die breitere Basis der italienischen Terroristen rührt nicht zuletzt daher, daß es dort seit langem schon eine gewaltige Akademiker-Arbeitslosigkeit gibt. Bloß die Gesetze zu verschärfen, kann nicht ausreichen. Staatliche Überreaktion liefert den Terroristen zwar kaum eine neue Rechtfertigung; die brauchen sie ohnehin nicht. Sie führt ihnen wohl auch nicht Sympathisanten zu. Etwas anderes ist zu fürchten: je strenger die Gesetze ausfallen, um so ungünstiger wird die politische Kosten-Nutzung-Rechnung, besonders dann, wenn die Gesetze praxisfern der allgemeinen Abschreckung dienen. Der Gewinn an Sicherheit ist geringer als der Verlust an Liberalität.

Gesetze und Strafen sind notwendig für die Ordnung, aber sie sichern noch nicht den inneren Frieden. Und so notwendig es ist, die Gefährlichkeit bestimmter Denkfiguren bloßzulegen, so fatal wäre es, das Denken regulieren zu wollen, weil es gefährlich werden könnte.

Autorität sei wieder notwendig. Natürlich. Nur stellt sie sich durch bloße Verteidigung der Ordnung allein noch nicht ein, wenngleich sie durch Feigheit, da hat Lübbe recht, verspielt werden kann. Politische Autorität hängt auch davon ab, wie weit sie fähig ist, Antwort auf politische Fragen zu geben, auf Sinnfragen nicht zuletzt. Aber krankt unsere politische Kultur nicht daran, daß Sinnfragen weder gestellt noch beantwortet werden? Und wenn und insofern Terrorismus Symptom einer solchen Krankheit der politischen Kultur ist, dann gibt es keine Patentrezepte, keine Wunderkuren, im besten Fall eine lange, mühevolle Genesung mit der Gefahr vieler Rückschläge.

L’enracinement – die Einwurzelung fordert Hans Maier bayerische Kultusminister. Dies ist, ganz ohne Ironie, ein schönes Wort, das eine der großen Sehnsüchte des Menschen benennt, vielleicht die größte des modernen Menschen überhaupt, Nur, wo sollen die Bindungslosen sich einwurzeln, und was bedeutet das? Funktionieren in einer technisierten Gesellschaft, in der die Person genauso unwichtig wird wie bei den Terroristen, in der, um noch einmal den Soziologen Schmidtchen zu zitieren, „moralische Handlungskriterien weitgehend durch Effektivitätskriterien ersetzt“ werden?

Nein, im Terrorismus wird nicht die ganz andere Gesellschaft, sondern die Fratze unserer eigenen Gesellschaft sichtbar. Ändern sollen sich diejenigen, die aus dieser Gesellschaft ausgebrochen sind, die sie nach ihren Vorstellungen revolutionieren wollen – jawohl. Aber sind es wirklich nur sie, die sich ändern müssen? „Hätte ich die Dimension Liebe für mich vorher richtig abgecheckt, hätte ich es nicht gemacht“, schrieb Bommi Baumann. In diesem Versäumnis ist er nicht allein.

Die Bilanz? Sie bleibt immer noch unbefriedigend. Es gibt keine einfache Erklärung des Terrorismus, keine simple Schuldzuweisung, kein eindeutiges Handlungsmuster für die politische Auseinandersetzung, keine sichere Methode der Prävention. Dies hängt damit zusammen, daß der Terrorismus wie ein Chamäleon ist, er nimmt die Farbe des Zeitgeistes an, wie Laqueur sagt, ja, er nutzt die aktuelle Mode.