Und wie unterscheiden sich die verschiedenen Terroristen-Generationen? Die erste um Ulrike Meinhof war aus der APO-Bewegung herausgewachsen. Sie versuchte zunächst noch zu erklären, zu rechtfertigen, sich verständlich zu machen. Dann kam die Generation der Stockholmer Attentäter, die in ihrem "Kochbuch", einer Art Terrorismus-Handbuch, fröhliche Unmenschlichkeit à la James Bond kultivierten: "Dennoch wird sich kaum vermeiden lassen, einmal einen aufgedeckten Denunzianten umzulegen. Aber auch hier gilt, was die gute alte Oma Mao dazu sagte; BESTRAFE EINEN – ERZIEHE HUNDERT!" Schließlich folgten die Mörder von Buback, Ponto und Schleyer, die wie ein Killer-Kommando der Mafia arbeiteten, politisch sprachlose Ingenieure der Erpressung und des Mordes, von Haß- und Rachegefühlen getrieben: "Wir haben", so heißt es in einer Mitteilung nach dem Ponto-Mord, "in dieser Situation, in der Bundesanwaltschaft und Staatsschutz zum Massaker an den Gefangenen ausgeholt haben, nichts für lange Erklärungen übrig."

Damit noch nicht genug der Fragen. Was eigentlich verbindet jene zwei, deren Zusammentreffen vielleicht die Initialzündung zum deutschen Terrorismus gab: Gudrun Ensslin und Andreas Baader – die Moralistin, die Untätigkeit nicht aushielt, und den Täter, der eine Moral benötigte? Was schließlich hat die Ulrike Meinhof des Jahres 1970, deren politische Erklärungen den Terroristen politisches Fanal waren und an denen immerhin auch ihre alten Freunde noch Nachdenkenswertes fanden, mit jener wahrnehmungs- und ausdrucksarmen Insassin von Stammheim gemeinsam, die mit rüder Selbstkritik ein wenig emotionale Zuwendung von ihren Mithäftlingen erbettelt?

"Die Terroristen" – der Begriff zerfließt unter den Händen. Es gibt manche interessante Einzelbeobachtungen, aber sie erlauben kaum Verallgemeinerungen, geschweige denn erklärende Theorien.

Um beim Lächerlichen zu beginnen. Die Welt am Sonntag hat bemerkt, daß es unter den Terroristen eine Reihe von Pastorenkindern gibt: Gudrun Ensslin, Jörg Lang, Christine Kuby, Annette von Wedel. Die Zeitung rechnete aus, daß die evangelischen Pfarrer 0,07 Prozent der Arbeitnehmer ausmachen, ihre Kinder aber im Terroristenbereich mit vier Prozent beteiligt sind. Das Blatt kam so zu der Schlagzeile: "Pfarrerskinder, die sich der Gewalt verschrieben."

Etwas ernsthafter schon: Jenes schwäbische gehobene Bildungsbürgertum wird als Terrorursprung dingfest gemacht, in dessen Familien ein turmhohes Über-Ich angebetet wird. Der diesem Ungeheuer genehme Lebensweg führt die Auserwählten heute nicht mehr in die Askese eines vergnügungsarmen Kapitalismus ("schaffe, schaffe, Häusle baue") oder in den strengen Dienst eines strafenden Gottes, sondern in einen ebenso pflichteifrig betriebenen freudlosen Terrorismus. Nun gibt es zwar relativ viele Terroristen baden-württembergischer Provenienz, aber so beherrschend sind sie nun auch wieder nicht, und was aus ihrem Familienleben bekannt ist, scheint relativ widersprüchlich. Bei genauerem Hinsehen bleibt vom angeblich typisch Schwäbischen nicht viel übrig.

Die Feststellung schließlich ist auch nicht viel wert, daß die Familien, aus denen die Terroristen stammen, etwas öfter Schäden aufweisen als die Druchschnittsfamilien ("Schaden" bedeutet hier Scheidung und früher Tod von Vater oder Mutter). Einmal sind die Fakten nur sehr unsystematisch gesammelt, und sie sagen noch gar nichts über die innere Struktur der Familien, nichts über ihr emotionales Klima.

Bisher hat das Sammeln der Daten und ihr Zusammenfügen zwar verschiedene Ansichten des Terrorismus geliefert, aber noch kein einheitliches Bild. Es ist keine Antwort auf die entscheidenden Fragen sichtbar geworden: Wie ist der Terrorismus entstanden? Wie läßt er sich bekämpfen oder heilen?