Die Psychologen helfen da auch nicht weiter. Eine psychologische Erklärung stellt ja auch weder die Terroristen selbst zufrieden noch jene, die in ihnen die größte Gefahr sehen. Die Terroristen selber verstehen sich als politisch Handelnde und wollen sich ihre politische Motivation durch Psychologen nicht relativieren oder gar wegerklären lassen. Manche ihrer Widersacher dagegen hätten, erklärte die Psychologie alles, keine politischen Sündenböcke mehr; sie hätten es mit gewöhnlichen Kriminellen zu tun oder noch schlimmer: mit Fällen für den Psychiater. Das Feindbild beider, der Terroristen wie der Antiterroristen, wäre empfindlich beschädigt.

Terrorismus als "Revolution der Gestörten" – so der Psychologe Grossarth-Maticek – ist die griffige Formel für eine Erklärung, die den politischen Terrorismus zur fast zufälligen Ausdrucksform schwerer neurotischer Konflikte werden läßt. Andere Psychologen schätzen den Erkenntniswert der These, bei den Terroristen handele es sich um Neurotiker, geringer ein. Wolfgang Salewski, psychologischer Berater der Bundesregierung bei Terror-Aktionen, meint kühl und knapp: "Wenn wir akzeptieren, daß wir alle unsere Neurosen mit uns herumschleppen, dann sind auch die Terroristen Neurotiker,

Einig jedoch scheinen sich die Psychologen darüber zu sein, daß es bei den Terroristen eine Reihe von Charakteristika gibt, die wohl nicht bei allen gleichermaßen, aber doch ziemlich häufig zu beobachten sind. Sie werden als Störungen in den Beziehungen zur Umwelt beschrieben. Versucht man Salewskis Beobachtungen zu systematisieren, so sind es vor allem drei Charakteristika, die den Psychologen auffallen.

1. Gestörter Umgang mit den eigenen Emotionen, die sich in der Angst vor wirklichen Bindungen ausdrückt. Bommi Baumann, Terrorist der ersten Generation, später ausgestiegen, sagt das so: "Daß du dich für den Terrorismus entscheidest, ist schon psychisch vorprogrammiert. Ich kann es heute bei mir sehen, das ist einfach Furcht vor der Liebe gewesen, bei mir selber, aus der du dich flüchtest in eine absolute Gewalt." Die Schwierigkeiten der akademisch vorgeprägten Terroristen beschreibt Baumann in einer Mischung aus Mitleid und Spott: "Die Typen waren ja auch irgendwie noch verklemmt, mit Bräuten haben die es ja immer nicht gebracht, weil sie immer gleich noch so einen Anspruch mit aufgebaut haben."

2. Gestörtes Verhältnis zur Autorität. Sie wird zunächst als feindlich empfunden. Baumann schildert seine Anfangsjahre folgendermaßen: "Als Linker hat man sich dann noch nicht gefühlt, aber alles, was dagegen war, war gut." Bei ihm ist noch lange sehr viel spielerische Herausforderung der Autorität dabei; der Tiger wird am Schwanz gezupft. Andere haben sich gleich von Anfang an mit dem Jagdschein der Ideologie auf die Pirsch gemacht, ausgefertigt von Gegenautoritäten mit marxistischer Denkweise: Die alten Autoritäten wurden zum Gegenstand der Verachtung, ihre Zerstörung ethische Pflicht. Bedingungslose Ablehnung der alten und ebenso bedingungslose Unterordnung unter die neue Autorität entsprechen sich. Dazu paßt es durchaus, daß innerhalb der Terroristengruppen am meisten Ansehen erwarb, wer sich am wenigsten Mühe gab, sie intellektuell und rational zu begründen: Andreas Baader zum Beispiel.

3. Gestörtes Verhältnis zur Identität. In den Worten Salewskis: "Irgendwann ist ihnen die Chance genommen worden, sich eine eigene Identität zu erarbeiten, und das versuchen sie jetzt gewaltsam nachzuholen" – bis zum historischen Größenwahn. Als Beleg ein Zitat aus Baumanns Erinnerungen: "Wenn du auf der Höhe der Zeit bist, hast du dann so einen Geschichtsüberblick, daß du so ’ne Geschichten und solche Prozesse richtig analysieren und auslösen kannst. Und darin besteht auch eine Chance für eine Revolution, daß du aus diesem Bewußtsein heraus etwas machen kannst."

Die künstliche Identität, dazu noch in einer Außenseiterrolle, bedarf dauernder Stützung. Daraus nicht zuletzt erklärt sich die ungewöhnliche Gruppenabhängigkeit der Terroristen. Peter Hofstätter konstatiert geradezu eine "Gruppensüchtigkeit": "Sie bedürfen unaufhörlich der Bestätigung ihrer extremen Position durch Gesinnungsgenossen ... Wenn es ihnen gelingt, jeden Kontakt mit anderen Personen zu vermeiden, können die Verschworenen wahrscheinlich nahezu unangefochten an ihren Wahnvorstellungen beziehungsweise an ihrem Gruppenfanatismus festhalten. Er befähigt sie, wie die Hungerstreiks gezeigt haben, zu außerordentlichen Willensleistungen." Daher auch "die außergewöhnliche Empfindlichkeit für alle Maßnahmen der Kontaktbeschränkung, die sofort und landesweit – wo nicht international – als Isolationsfolter angeprangert werden".