Alle drei Charakteristika lassen sich als Störungen der Persönlichkeitsentwicklung begreifen. So ist denn auch für den Kriminologen Gustav Nass der Terrorismus vor allem ein entwicklungspsychologisches Problem: "Die Hinwendung zum Anarchismus erfolgt fast immer beim Übergang von der Spätpubertät zum Erwachsensein." Seine Analyse klingt vertraut: "Der junge Mensch, der noch nicht zwischen dem Ideal und der Wirklichkeit zu unterscheiden gelernt hat, der nicht differenziert zwischen Wunschbild und Machbarem, erlebt die Diskrepanz zwischen der Welt der Ideen beziehungsweise Ideologien und der realen Welt, der etablierten Gesellschaft, ihrer Herrschaftsstrukturen und ihrer Unvollkommenheit als Schock. Die Reaktion darauf ist bei einigen die Flucht in die Anarchie." Etwas schärfer formuliert die Psychologin Elisabeth Müller-Luckmann diese Problematik: "Nicht gelernt haben, mit Frustrationen umzugehen", ist für sie "ein Persönlichkeitsmerkmal, das sich bei fast allen sozial Entgleisten in ausgeprägter Weise finden läßt". Gerade hochbegabte junge Menschen erleben und erleiden die Diskrepanz zwischen idealistischem Anspruch und desillusionierender Realität besonders stark. Das Kontingent der Sensiblen, der Idealisten in der Gruppe der Anarchisten sei groß.

Als Terroristen machen diese Hochbegabten freilich einen sehr eingeschränkten Gebrauch von ihrer Intelligenz. Nass spricht ihnen die Fähigkeit ab, ihre Handlungen und die Folgen vernünftig abzuwägen. Noch deutlicher drückt diesen Sachverhalt die Psychologin Müller-Luckmann aus. Sie stellt fest, daß "von der intellektuellen Fähigkeit, Alternativen zu sehen und flexibel auf unterschiedliche soziale Kontexte zu

reagieren, kein Gebrauch mehr gemacht wird. An die Stelle eigentlicher Denkoperationen tritt dann nur noch die Fähigkeit, organisatorisch das technisch ,Machbare‘ zu verwirklichen und in Handlung umzusetzen, was man als die einzige Wahrheit erkannt zu haben glaubt". Einen "Erstarrungsprozeß" beobachtet sie. Irgendwann im Fortschreiten dieses Prozesses "ereignet sich der Kontaktabbruch mit der bisherigen angestammten Welt. Vieles spricht dafür, daß sich dieser meist unbemerkt von der Öffentlichkeit vollzieht".

Die Terroristen der ersten Generation dagegen gaben an, daß ganz bestimmte Ereignisse sie auf den Weg des Terrorismus gebracht hätten. Bei Gudrun Ensslin zum Beispiel war es die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg während der Demonstration beim Schah-Besuch in Berlin. Für Ulrike Meinhof war nach der Darstellung Jillian Beckers das Attentat auf Rudi Dutschke das entscheidende Erlebnis. Wahrscheinlich wissen viele Terroristen – schon aus Rechtfertigungsgründen – eine solche negative Erfahrung mit dem System zu nennen. Und es ist möglich, daß dabei nur ein schon lange vorher vorbereiteter Abbruch der Beziehungen zur vertrauten Welt plötzlich manifest wird. Jedenfalls gibt es auch Beispiele für unbemerkte Veränderungen: Susanne Albrecht, die sich und anderen Terroristen Einlaß im Hause Ponto verschaffte, ist nur der bekannteste Fall.

Verarmung? Sie beginnt schon in der Begriffsbildung. Müller-Luckmann nimmt an, "daß sich im Denken der Betroffenen zunehmend Abstraktionsprozesse primitiver Art abspielen", die "solche Begriffe entstehen lassen, die man als grobe, detailarme, entindividualisierte Images im Sinn von Vorurteilsbildung bezeichnen kann", beispielsweise die "Bullen", "Charaktermasken" usw. So verschieden die Begriffe der Bild-Zeitung sind, der Unterschied in der Methode ihrer Verfertigung scheint nicht sehr groß.

Von "Flucht" spricht Nass. In der Tat ist eine merkwürdige Absetzbewegung von der Erwachsenenwelt zu beobachten, eine Regression, wie die Psychologen wohl sagen würden, die bis tief ins Sprachverständnis hineinreicht. Die Sprache wird nicht nur farblos und stereotyp; die Fähigkeit, in Metaphern zu denken, scheint zu versiegen. Die Bilder werden plötzlich wörtlich genommen. Das ganze martialische, oft grausame Vokabular, das bei der Bewältigung von Autoritätskonflikten durchaus seinen Sinn haben mag (wenn es entlarvend und befreiend, vielleicht auch erschreckend wirkt), aber eben nie wörtlich genommen wird, gerät plötzlich zur Realitätsbeschreibung. Aus Vergleichen, Bildern, darauf hat Hofstätter hingewiesen, wird unvermittelt blutiger Ernst: Die Kapitalistenschweine und die Polizeibullen werden tatsächlich behandelt wie Vieh. Mit solchen Deutungen gerät man schon in den Bereich der mehr psychoanalytisch gefärbten Erklärungen. Deren Grundform stellt Gerhard Mauz im Spiegel so dar: "Die Gewalt ist nur zu oft nichts anderes als unerledigte, unbewältigte eigene Kindheit oder Jugend. Sie ist nichts als die nicht abgeschlossene fortdauernde Auseinandersetzung mit den Verhältnissen, in denen man aufwuchs, mit den Eltern und den Geschwistern." Im Mittelpunkt aller solcher Interpretationsversuche steht dabei der Vater. So fragt denn Mauz auch: "Warum hat Susanne nicht ihren Vater erschossen?" Seine Antwort: "Fürchterlicher als dadurch, daß sie an einem Attentat auf seinen Freund mitwirkt, hat Susanne Albrecht ihren Vater nicht treffen können."

Vielleicht wird auf diese Weise eine vage Disposition zum Terrorismus gebildet. Margarete Mitscherlich bemerkt dazu freilich nüchtern: "Eine psychoanalytische Untersuchung kann nur eine begrenzte Erklärung für das Phänomen des Terrorismus abgeben."