Über die speziellen Fähigkeiten und Leistungen der weiblichen Terroristen gibt es bissige und billige Aperçus die Fülle. Genauere Analysen sind seltener. So rügt Susanne von Paczensky die Zurückhaltung der Wissenschaftler auf dem CDU-Kongreß über den "Weg in die Gewalt", sich über Wert und Wesen der Terroristinnen zu äußern, mit der spitzen Bemerkung: "In den veröffentlichten Beiträgen, die insgesamt 219 Seiten umfassen, nimmt die Betrachtung der weiblichen Terroristinnen exakt achtzehn Zeilen ein, die in dem Goethe-Zitat gipfeln: "Denn geht es zu des Bösen Haus, das Weib hat tausend Schritt voraus.’" Das Verdikt "patriarchalisch" fällt Erwin K. Scheuch mit seinem Satz: "Den Führerinnen der Baader-Meinhofs werden lesbische Neigungen nachgesagt, und das Führen und Benutzen von Schußwaffen dürfte der entscheidende äußere Bruch mit der abgelehnten Weiblichkeit sein." Nicht anders urteilt der Verfassungsschutzchef a. D. Günther Nollau: "Ein Exzeß zur Befreiung der Frau."

  • Margarete Mitscherlich-Nielsen räumt ein, daß es "für manche Terroristinnen ein primitiver Triumph sein (mag), wenn sie erlebten, daß die Verhältnisse sich umdrehen und Männer vor ihnen und ihrer Gewalttätigkeit zu zittern beginnen. Die terroristischen Einzelaktionen der letzten Zeit richteten sich immer gegen Männer (Lorenz, Buback, Ponto, Schleyer), die, wenn sie als Geiseln entführt, in ihrer Schwäche und Hilflosigkeit bloßgestellt, verhöhnt und der Öffentlichkeit in ihrem Elend preisgegeben wurden". Diese Vermutung liegt nahe, zwingend ist sie jedoch nicht.

Helga Einsele, die als Leiterin der Frankfurter Haftanstalt Erfahrungen mit Terroristinnen der ersten Generation gesammelt hat, urteilt eher skeptisch: "Es macht nicht den Eindruck, daß diese Frauen sich als Frauen durch ihr Handeln aus ihrer traditionellen Rolle befreien wollten." Politische Ziele seien bei ihnen erkennbar, "jedoch kaum solche frauenemanzipatorischer Art". Tatsächlich wird das Problem der Emanzipation, der Gleichberechtigung der Frau, in den Schriften der RAF überhaupt nicht erwähnt. Über den Feminismus scheint in der Bundesrepublik bisher keine Karriere zum Terrorismus zu führen.

Bei jenen, die sich der politischen Gewalttat zugewandt haben, muß also noch etwas hinzutreten zum Studierthaben, zur übersteigerten Sensibilität, zum Feminismus, was erlaubt, die individuelle Störung mit gesellschaftlichen und politischen Zuständen in Zusammenhang zu bringen.

Hofstätter bemerkt: "Es fällt schwer, Eltern Achtung entgegenzubringen, die im Verdacht der Mitschuld oder zumindest des Versagthabens stehen, und diese Einstellung generalisiert mit ziemlicher Sicherheit vom leiblichen Vater auf ‚Vater Staat‘." Hier wird die Verhärtung zwischen den familiären und den "gesamtgesellschaftlichen" Verhältnissen sichtbar. Bei Hofstätter scheint es vor allem mangelnde Selbstsicherheit der Elterngeneration zu bedeuten und daraus resultierend mangelnder Mut zur Erziehung.

Jillian Becker spricht in ihrem Buch "Hitlers Kinder" von der "vaterlosen Generation", "nicht nur wegen der vielen Männer, die im Zweiten Weltkrieg gefallen sind, sondern weil die Väter damit beschäftigt waren, das Wirtschaftswunder in Gang zu bringen. Aber wichtiger noch: Die Autorität der Väter war durch den NS-Polizeistaat geschwächt worden. Lange über die Zeit des Zusammenbruchs hinaus war die Elterngeneration gebrandmarkt: Sie hatte, unentschuldbar und auf schreckliche Weise, unrecht getan". Worauf Jillian Becker zu Recht hinweist, ist die Tatsache, daß es sich hier um die Kinder der Hitlergeneration handelt. Gegen diese Generation bäumte sich die nachfolgende auf.

"Wenn ich sagen sollte, wie für mich alles angefangen hat", so schrieb Horst Mahler in seiner Auseinandersetzung mit dem Terrorismus, "fiele mir der Faschismus ein. Äußerliches war ich ihm entronnen; aber-noch danach war alles von seinem Schatten überzogen... Ich wollte einer von den ‚anderen Deutschen‘ werden." Gudrun Ensslin wird der Satz zugeschrieben: "Wie kann man noch mit Leuten reden; die für Auschwitz verantwortlich waren!"