Insgesamt ist wohl richtig: Ein ungewöhnlich harter Generationenbruch hat günstige Vorbedingungen für politischen Extremismus und für den Terrorismus geschaffen. Aber dieses gestörte Verhältnis zwischen den Generationen erklärt auch noch nicht ausreichend die politische Richtung des Protests – und schon gar nicht den Weg in die Gewalt, den einzelne der Protestierenden eingeschlagen haben – dieselben, die aber der Elterngeneration Gewaltausübung vorwarfen.

Gewalt, gar blutige Gewalt bedarf der Rechtfertigung, vor allem dann, wenn die Akteure sie ernst lernen müssen. Bommi Baumann erzählt: "Wir haben mit der Gewalt von Kindesbeinen an gelebt, das hat eine materielle Wurzel. Wenn Zahltag ist, der Alte kommt besoffen nach Hause und verprügelt erst mal seine Alte, das sind doch die ganzen Geschichten. In der Schule, da keilst du dich; sich mit den Fäusten durchzusetzen, das ist für dich eine ganz normale Sache; du keilst dich auf der Arbeitsstelle, du keilst dich in Kneipen ... Für dich ist Gewalt eine ganz spontane Sache, die du ganz leicht abwickeln kannst."

Anders dagegen, so meint Baumann, war es bei denen, die nicht wie er der Arbeiterklasse entstammten: "Die Studenten hatten damals ziemliche Schwierigkeiten, sich gegen Bullen zu wehren, einfach von ihren Erziehungsgeschichten her..." Wenn sie aber Gewalt einsetzten, wenn sie die Schwelle der Bedenken überwunden hatten, dann taten sie es ohne Hemmungen und gerechtfertigt vor allem durch Theorien.

Mit welchen Begriffsvehikeln wird die Gewalt erreichbar, wie die Rechtfertigung der Gewalt erreicht? Sie wird möglich, wenn sie als unvermeidbare Konsequenz eines Kampfes der Guten gegen die Bösen erklärbar ist. Völlig zutreffend hat Hermann Lübbe, an den Jugendterror der Französischen Revolution erinnernd; den Terrorismus eine "Praxis der Tugend" genannt, "die ihre Legitimität unmittelbar aus unseren höchsten Zwecken bezieht... Die subjektive Bedingung der Möglichkeit des Terrors ist das gute Gewissen. Nur in der Reinheit des Gewissens erträgt man, was im Vollzug des Terrors krude Faktizität ist".

Eine dafür taugliche Schwarz-Weiß-Erklärung der Welt liefert ein primitiver militanter Marxismus. Er bildet denn auch den vagen ideologischen Hintergrund des "Sozialrevolutionären" Terrorismus in der Bundesrepublik. Eine primitivmarxistische Einfärbung des Terrorismus läßt sich jedenfalls nicht leugnen. Daß aber marxistisch beeinflußtes Denken zum Terrorismus führen müsse, bestreiten andere Wissenschaftler, etwa Iring Fetscher, mit Vehemenz. Zu Recht. Immerhin existieren in Frankreich zwei große Parteien, von denen eine fast ausschließlich, die andere sehr stark von Marxismus geprägt ist; gleichwohl gibt es in unserem Nachbarland keinen nennenswerten eigenständigen Terrorismus. Vielleicht gerade weil der Marxismus dort offen zur Wahl und zur Kritik steht?

Auf einen speziellen, aber für die Bundesrepublik besonders wichtigen Aspekt hat der Zeitgeschichtler und Politologe Karl Dietrich Bracher hingewiesen: Faschismus und Totalitarismus wurden in eins gedacht, der Sozialismus, marxistisch interpretiert, geriet zum Gegenbegriff für beides. Der Faschismusbegriff wurde dabei "uferlos ausgeweitet". Faschismus, Imperialismus, Kapitalismus, parlamentarische Demokratie verknüpften sich zu einem Syndrom politischer Krankheit, das allen politischen Übeln zugrunde liegt. Auf solche Weise wurde Faschismus ein beliebig verwendbares Instrument zur Benennung jenes Bösen, das notfalls auch mit Gewalt bekämpft werden muß. Und unter dieses Verdikt "faschistisch" fiel dann sogar ein relativ liberaler Rechtsstaat wie die Bundesrepublik, nebst dessen Repräsentanten. Einige Denkfiguren halfen dabei.

1. Die Neue Linke redete von der "formalen" Demokratie als Gegenbild zur "realen" Demokratie, wobei reale oder auch erfüllte Demokratie die ausgebildete Praxis des Sozialismus bedeutete, Hinter diesem Idealbild muß in der Tat jede Wirklichkeit weit zurückbleiben. Dabei geht dann zugleich die Erkenntnis verloren, daß Offenheit, damit zwangsweise auch Unsicherheit über den richtigen Weg Vorbedingungen einer freien Gesellschaft sind; der Pluralismus wird einer für wahr gehaltenen, einlinigen Politik geopfert, auf die alle – wiederum: notfalls auch mit Gewalt – verpflichtet werden. "Freiheitliche Demokratie", so formuliert der Politologe Hättich die Gegenthese, "muß notwendigerweise weitgehend formal sein, und zwar gerade wegen ihrer Wertgebundenheit an Menschenwürde und Freiheit." Seine These: Solche Demokratiekonzepte stellen für rigoristisch veranlagte Leute einen "Appell zum Verlassen der Rechtsgemeinschaft" dar.