wie mir leider erst kürzlich bekannt wurde, soll im Südwestfunk Baden-Baden ein junger Reporter gemaßregelt werden, weil er es versäumt hat, sich beim Publikum dafür zu entschuldigen, daß er mir in einer Regional-Abendschau nach meinem ersten Prozeßtag nicht Einhalt gebietend ins Wort fiel, als ich sagte, Dr. Filbinger habe den Matrosen Gröger „umgebracht“.

Nun, es ist nachzuweisen, daß ich wie immer so schnell sprach, daß der Interviewer technisch gar keine Möglichkeit hatte, mich zu „korrigieren“. Doch abgesehen davon, daß dieser junge Mann tatsächlich noch unschuldiger an dieses Wort geriet als die Jungfrau ans Kind: warum soll man nicht sagen dürfen, Filbinger habe sein Opfer umbringen lassen? Sie sind Jurist, Dr. Kohl. So nehme ich die Gelegenheit wahr, kostenlos eine Belehrung zu erwerben: Wer, wenn nicht der „Feuer!“ rufende, „leitende Offizier des Vollstreckungsverfahrens“, zu dem Filbinger sich selbst ernannt hatte, nachdem er es schon war, der als Vertreter der Anklage das Todesurteil gefordert hat, – wer sonst hat Gröger umgebracht? Etwa die zehn Matrosen am Drücker, die auf Filbingers Feuerbefehl abdrückten?

Da haben wir sie wieder, die Lebenslüge der bundesdeutschen Justiz: Jedermann findet es hierzulande normal, zu sagen, Eichmann habe die Juden umgebracht – obgleich er als Chefspediteur zu den Gaskammern nachweislich keines seiner Opfer auch nur berührt hat mit eigener Hand. Jedermann findet es in Übereinstimmung mit der bundesdeutschen Justiz normal, diesem und den anderen Killern in der SS deren Berufung auf „Befehlsnotstand“ vor deutschen Gerichten, sofern sie zufällig vor eines geraten, streitig zu machen – doch ist ja gar nicht daran zu zweifeln, daß mindestens seit Februar 1942 der Befehl an die SS, alle jene Juden sofort zu töten, die nicht „zur Vernichtung durch Arbeit ...selektiert“ wurden, eindeutig war. Er war festerbindend für die SS als es für Hitlers Militär-Juristen die Wehrmachtsgesetze über Fahnenflucht gewesen sind. Denn Hitlers Weisung vom August 1940 über die Behandlung von Fahnenflüchtigen ließ ja den Richtern durchaus die Freiheit, Angeklagte wie Gröger so zu behandeln, wie ihn Marinerichter Neumann behandelt hatte, der dem Matrosen bekanntlich acht Jahre Haft gab für jenes Delikt, für das dann Filbinger ihn in den Tod kommandierte. Das wurde auch vor dem Stuttgarter Gericht eindeutig bestätigt.

Filbingers Ministermnis-Gutachter lassen, noch heute diesem Matrosen – der übrigens auch ein Deutscher war, Wie die ungefähr 16 000 anderen Soldaten, die deutsche Militärrichter totgemacht haben in Hitlers Krieg; ich erinnere darin, weil mir jetzt oft vorgehalten wird, ich würde auf den „guten Deutschen“ Filbinger den Schmutz werfen, den er in Norwegen zum Beispiel auf Gröger warf, als er zwei Stunden vor der Hinrichtung dem 22jährigen noch einmal umständlich, vorlas, er sei „auf Lebenszeit“ ehrlos geworden –, noch heute läßt Filbingers Ministerium die mildernden Umstände nicht gelten bei seiner Beurteilung dieses Falles, die einst die Richtlinien Hitlers vom August 1940 und deren Auslegung sogar durch den berühmt mitleidlosen Oberbefehlshaber der Kriegsmarine Dönitz noch vom 1. 9. 1943 erfuhren: „Ob die Todesstrafe in allen Einzelfällen angebracht ist, darüber muß zunächst der Richter entscheiden. Die Richtlinien des Führers lassen dieser Entscheidung einen so weiten Spielraum, daß es jedem Richter der Kriegsmarine möglich ist, in seinem Urteil die Erfahrung zu berücksichtigen, die zu dem Erlaß des Oberbefehlshabers der Kriegsmarine (vom 27. 4. 1943) geführt haben.“

Ein Einzelfall? Finden Sie nicht, Herr Dr. Kohl, daß dieser Politiker Ihres Vertrauens allmählich zu viele „Einzelfälle“ auf der „Strecke“ hat? Wollen Sie ihn, vor Ihrer nächsten Loyälitätserklärung, einmal befragen, ob er sich an diesen nächsten Einzelfall erinnern kann: Am 19. Juli 1945, Hitler war schon fast drei Monate verbrannt, gab ein gewisser Marinerichter Filbinger schriftlich: Ein Matrose, der sich nach Hitlers Tod in die Büsche geschlagen hatte, aber dann von den Briten eingefangen und damit wieder deutschen Marinerichtern ausgeliefert worden war (die ja durchaus als Gefangene noch Todesurteile aussprechen durften), sei „an sich ... mit einer hohen Zuchthaus-, wenn nicht mit des Todesstrafe bedroht“! Mitte Juli 1945!

„An sich!“ das kann nur heißen: wenn nicht durch die zwei Monate zuvor erfolgte Kapitulation die deutsche „Gerechtigkeit“ dermaßen defaitistisch verwässert und gemildert worden wäre, daß nun sogar schon solche Matrosen wie dieser, der nach Hitlers Tod abgehauen war, mit dem Leben davonkämen! Filbinger schrieb das verbittert. Er schrieb sogar, voller Bedauern und Resignation sich aufbäumend, es ginge ein Gerücht im Lager um, das jetzige Gericht werde ersetzt durch eines, das nicht „nach nationalsozialistischen Grundsätzen urteile“! Zwar hatte er, wie jedermann zu dieser Zeit, die Photos der Leichenhalden gesehen, die von britischen Soldaten in Bergen-Belsen mit Bulldozern in die Massengräber geschoben wurden, doch war seine Verbitterung „an sich“ berechtigt, denn hier wurden eindeutig Führer-Gesetze übertreten, obwohl der noch kein ganzes Vierteljahr tot war!

Es gehört zu den Grotesken, mit denen ein Schriftsteller konfrontiert wird, der heute Zeitgeschichte erforschen will, daß der Mann, um den es sich hier handelt – in der Bundesrepublik lebend und beamtet – mich dringlich bat, seinen Namen und Wohnsitz nicht zu nennen ...