ARD, Donnerstag, 1. Juni: „Eröffnungszeremonie“ – Auftakt zur Fußball-WM in Buenos Aires.

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, daß es unter den Militärs in Argentinien drakonisch zugeht, dann wurde dieser Beweis unfreiwillig durch eine Zeremonie geliefert, die selbst dem unberatensten Fußball-Funktionär die Verschwisterung von Sport und Politik verdeutlichte. Da war auch nicht die leiseste Spur von Spaß und Improvisation, von Charme, Keckheit und Spiel zu entdecken; während der Eröffnungsfeier der Fußball-Weltmeisterschaft da triumphierte der Drill. Disziplin und stumpfsinniges Reglement bestimmten das Fest, das keins war. Die sogenannten Sportler, Jugendliche im Trainingsanzug oder verkleidete Folkloristen (hei, waren die lustig, die marschierenden Dirndels und Krachledernen), waren mit einem Ingrimm bei der Sache, als gelte es, Griffe zu kloppen – und der Stadion-Präzision entsprach das martialische Ritual auf der Ehrentribühne. Der General sprach Worte wie Frieden in einer Art und Weise aus, als gelte es, alle Feinde seines Regimes mit einem einzigen Biß zu verschlingen. Jeder Satz ein Säbelhieb, jede Freundschafts-Phrase eine Drohung. Wie eine Karikatur von Georges Grosz präsentierte er sich, in Mimik und Intonation, der Herr General – umgeben von seinen Leibwächtern, den Gorillas mit den gewaltigen Kinnladen und der Sonnenbrille, an denen gemessen Hakenfinger-Jakob und Seinesgleichen wie freundliche Schelme erschienen. Kein Wunder also, daß Wort und Betonung nur dann übereinstimmten, als der Präsident von Konfrontation sprach: Gemeint war der Kampf auf dem Rasen, gedacht aber wurde, dies zeigte die Rhetorik des Spiele-Eröffners, an einen ganz anderen Kampf.

So betrachtet war es keinesfalls, wie in der Springer-Presse zu lesen stand, ein eklatanter Stilbruch, daß die republikanischen Kommentatoren Reimer und Klein den Eröffnungsmechanismus mit Hinweisen auf die Toten und Verschwundenen in Argentinien begleiteten – auch die Schlägertruppen, die da irgendwo und irgendwann mit ihren Autos ohne Kennzeichen vorfahren, auch die verhöhnten Gefolterten und die verhöhnte Organisation, die sich ihrer annimmt, „Amnesty International“, so die Stimme der Junta, „das sind doch lauter Lügner“: Bild und Ton paßten nur zu gut zusammen – wie sehr, das wird ersichtlich, wenn man sich vorstellt, der General gestikulierte stumm und das Zucken seines Drohgesichts würde mit einem Text unterlegt, in dem Station für Station der Leidensweg des Klaus Zieschank nachgezeichnet würde. (Wo ist er, lebt er noch? Was tut man für ihn?)

Ein einzelner, der Herr im Bild, mit seinem Opfer, den allein, das Wort beschreiben kann, konfrontiert!

Nein, es ist nicht wahr, Neuberger – und die Kommentatoren! – irren, wenn sie sagen, daß der Sport nicht leisten kann, wozu die Politik unfähig ist. Der Sport kann sehr wohl dorthin Licht bringen, wo die Politik das Dunkel akzeptiert – und die Sportberichterstattung kann’s auch! In welchem Maße sie’s kann, das wurde, mit Ausnahme einiger falscher Zungenschläge (die Gefolterten sind nicht „Einsitzende“), bei Gelegenheit der Eröffnungs-Zeremonie in Buenos Aires durch eine Kommentierung verdeutlicht, die sich nur in einem Punkt irrte: „Der Ball rollt“, hieß es am Schluß, „und das tut uns gut.“

Neunzig Minuten später hörte man’s anders. Momos