Genschers Partei bestürzt

Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Juni

Den Blick geradeaus, fest auf einen imaginären Punkt am Ende jenes Flures im Bundeshaus geheftet, wo sich der Fraktionssaal der Freien Demokraten befindet, schritt Werner Maihofer durch ein Spalier von Schlachtenbummlern, so lang, wie es der FDP seit Jahren nicht mehr zuteil geworden ist. Neben ihm, im gleichen Schritt und Tritt, Hans-Dietrich Genscher, noch immer so bleich, eingefallen und mit kantigem Gesicht wie in der Wahlnacht. Wer nicht schon im Bilde war, konnte es in dieser Nachmittagsstunde des Dienstags ahnen: der bisherige Bundesminister des Innern trug seine Rücktrittserklärung in der Tasche.

Er hat seinen Entschluß ziemlich einsam gefaßt, ja fassen müssen, denn innerhalb der Partei und erst recht in der Koalition galt als stille Übereinkunft, daß es allein Maihofer zukomme, diesen Schritt zu tun. Darin spiegelt sich noch etwas von dem Respekt vor dem Mann wider, der einst eine der Gallionsfiguren des sozial-liberalen Bündnisses gewesen war, vielleicht auch Mitgefühl mit dem Minister, der sich bei der schwierigen Balance zwischen Liberalität und Sicherheit zunehmend in Widersprüche verstrickt hatte. Die tragische Verkettung widriger Umstände bei der Schleyer-Fahndung, die jetzt anhand des Höcherl-Berichts, wenn nicht den Anlaß, so doch den Vorwand für den Rücktritt lieferte – diese Verkettung läßt sich auch auf Werner Maihofer selber beziehen.

Indes, im politischen Alltag reichten Respekt und Mitgefühl nicht so weit, daß die Widersprüche und die Verkettung nicht ins Gewicht gefallen wären. Seit der Traube-Affäre im Frühjahr letzten Jahres ist die Kritik an Werner Maihofer auch in den Reihen der FDP nicht mehr verstummt. Waren es damals vor allem die Linksliberalen, die ihr früheres Idol immer weniger wiederzuerkennen meinten, so breitete sich Skepsis auch in anderen Teilen der Partei in dem Maße aus, indem sich der Minister in neue Zweifelsfälle verwickelte: von den Pannen bei der Fahndung nach den Schleyer-Entführern bis zu den Überwachungslisten des Bundesgrenzschutzes. Hatte Maihofer seine Hausmacht bei den Linken verloren, so gewann er deshalb doch nichts in der Mitte und auf dem rechten Flügel der Freidemokraten, dessen Reserve weniger politisch als vielmehr von dem Eindruck bestimmt war, der Minister habe sein Amt nicht genügend im Griff.

Als sich am Sonntagabend das Debakel der FDP in Hamburg und Niedersachsen abzuzeichnen begann, wurde die Erosion unaufhaltsam. Selbst dem Parteivorsitzenden Genscher, der bis zuletzt seine schützende Hand über Maihofer gehalten hatte, entfuhr angesichts des niederschmetternden Wahlresultats der Satz, dabei hätten wohl auch gewisse Ereignisse aus der letzten Zeit eine Rolle gespielt. Was wunder, wenn jedermann augenblicklich an Maihofer und den nach der Befreiung des Terroristen Till Meyer in Bedrängnis geratenen Berliner Justizsenators Baumann dachte. Und als am Dienstag auch eine andere Parteigröße, nämlich der Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff, von dem Einfluß des Maihofer-Problems auf den Wahlausgang sprach, begann die Rücktritts-Uhr immer lauter und schneller zu ticken.