Unternehmer und Spitzenmanager müssen bekanntlich ihre Termine genau planen, um ihr gewaltiges Tagespensum schaffen zu können. Arbeitsteilung und Delegation von Verantwortung zählen ebenso zu den Geheimnissen der Führungskunst, über die nicht jedermann verfügt, wie die Gabe, das rechte Wort zur rechten Zeit zu finden. Einige Spitzenvertreter unserer Wirtschaft beherrschen dies alles souverän.

So sind vor allem die Wochenenden und hier wieder ganz speziell Verbandstagungen und öffentliche Kundgebungen dem rückhaltlosen Bekenntnis zum Wettbewerb und zur Marktwirtschaft vorbehalten. Da wird mit Worten, die sicher bei keinem der Zuhörer ihre Wirkung verfehlen, vor den Gefahren des Protektionismus und zunehmender Staatseingriffe gewarnt. Erst kürzlich wies der Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie, Nikolaus Fasolt, anläßlich der Jahrestagung seines Verbandes eindringlich auf die üblen Folgen dirigistischer Praktiken hin.

Zu anderer Zeit und an anderem Ort – vornehmlich wenn sie in Brüssel weilen und das Ohr des EG-Kommissars Davignon haben – sind deutsche Unternehmer aber durchaus auch in der Lage, ebenso eindringlich darauf hinzuweisen, welche schrecklichen Auswirkungen es für ihre Branche haben würde, wenn die Europäische Kommission nicht mit ordnender Hand in ihren jeweiligen Markt eingreift. Da soll sie dann für Mindestpreise und Quoten sorgen, die lästige Konkurrenz aus Drittländern fernhalten und darauf achten, daß die Investitionen europäischer Wettbewerber nicht allzu wild ins Kraut schießen.

Detlev Rohwedder, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, hat jetzt diese Doppelzüngigkeit angeprangert. Es sei für ihn erschreckend zu sehen, wie schnell manche Industrielle und ihre Verbände bereit seien, sich mit dirigistisch gesonnenen Eurokraten in Brüssel an Runde Tische zu setzen, an Konzertierten Veranstaltungen teilzunehmen und sich an fragwürdigen Informationsmechanismen zu beteiligen, erklärte er vor der Außenhandelsvereinigung des deutschen Einzelhandels. Zu Recht wies Rohwedder darauf hin, daß die Bundesregierung sich in Brüssel nicht überzeugend für marktwirtschaftliche Lösungen einsetzen könne, wenn ihr eine wachsende Zahl von Vertretern der deutschen Wirtschaft dabei in den Rücken fällt und zu erkennen gibt, daß auch sie mit „geordneten Märkten“ liebäugeln. Wie schwer es ohnehin schon geworden ist, sich am Brüsseler Ratstisch gegenüber den dirigistischen Wünschen seiner Kollegen aus – anderen EG-Ländern und der Kommission zu behaupten, hat Wirtschaftsminister Graf Lambsdorff in den letzten Wochen erleben müssen.

Es ist eine alte Erfahrung, daß die Marktwirtschaft auch gegen die Unternehmer ständig verteidigt werden muß, da sie wie alle anderen Teilnehmer an dieser Veranstaltung immer wieder der Versuchung unterliegen, die Spielregeln zu ihren Gunsten zu verändern. Natürlich sind „geordnete Märkte“ bequemer als freie. Allerdings haben freie Unternehmer darin keine Existenzberechtigung mehr. Dies sollte denjenigen, die jetzt nach Brüssel pilgern, ebenso zu denken geben wie die Verhältnisse auf den Märkten, die von den Brüsseler Bürokraten bereits „geordnet“ wurden, – allen voran der Agrarmarkt. Vielleicht fällt einigen der Pilgerväter dann auf, daß die Diskrepanz zwischen den Reden auf Verbandstagen und den Worten, die an den Runden Tischen in Brüssel fallen, allzu groß geworden ist. Michael Jungblut