Weiße Bigotterie“ wird in diesen Tagen drei einflußreichen Privatklubs auf Bermuda vorgeworfen, weil sie die Aufnahme dunkelhäutiger Mitbürger hintertrieben. Der Vorwurf ist politisch gewichtig, denn er kommt aus jenen Kreisen, die jetzt im Staatsauftrag den Aufstand vom letzten Dezember untersuchen. Die gewalttätigen Ausschreitungen, an denen vornehmlich Jugendbanden von „back of town“, aus der Farbigenvorstadt von Hamilton, beteiligt waren, wurden durch Todesurteile ausgelöst. Zwei farbige Mörder, von denen einer unter anderem den Gouverneur erschossen hatte, wurden hingerichtet. Gegen die Vollstreckung hatte die Opposition eine Kampagne eingeleitet, die ihr aber entglitt. Tote und Schwerverwundete, unter ihnen auch amerikanische Urlauber, waren die Folge des Aufstands. Das traf Bermuda an einem Lebensnerv, denn die Besucher aus den USA sind der wichtigste Wirtschaftsfaktor auf der Insel. Die politischen Krisen gegenüber sehr empfindlichen amerikanischen Touristen drohten auszubleiben; ohne ihre Devisen wäre der Ruf des politisch wie ökonomisch stabilen Archipels leicht ins Wanken geraten. Ruhe an den Stränden wurde angesichts rückläufiger Besucherzahlen erste Bürgerpflicht.

Fragt man heute Offizielle, warum der Aufstand ausbrach und britische Soldaten die Gendarmen entsetzen mußten, so erhält man vielerlei Antworten: jugendliche Krawallust, Sektenrivalität („die haben sogar die Moslem-Bäckerei angezündet“), krimineller Beutetrieb oder schlicht persönliche Feindschaften. Solcher Privatrache sind mutmaßlich die in einem Hotel verbrannten Touristen anzulasten. Schließlich, so heißt es, habe der amerikanische Konsul „völlig überflüssigerweise“ mit der Evakuierung der Touristen gedroht, falls nicht Soldaten kämen. Aber es sei alles halb so wild gewesen ...

Die Opposition sieht es anders. Sie verweist auf vorangegangene Aufstände 1968 und 1970, auf die angeblich nur per Papier verwirklichte Rassenintegration, auf wirtschaftliche Unterschiede zwischen Schwarz und Weiß.

Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen diesen politischen Positionen. Bermuda – sein 1620 gegründetes Parlament ist das drittälteste der Welt – hat ein „politisches System im Übergang“, wie es der kanadische Anthropologe Manning in einer vieldiskutierten Bestandsaufnahme nach den Unruhen nannte. Die „Front Street“, alteingesessene weiße Familien, kontrolliert wie eh und je Ökonomie und Politik der Insel. Aber diese Familien, auch „vierzig Diebe“ genannt, haben es auch verstanden, einen Teil der Schwarzen in ihre Gesellschaft zu integrieren.

Es bleiben jedoch rassich bedingte Spannungen. Was in 350 Jahren gewachsen ist, verschwindet nicht innerhalb der wenigen Jahre, seit alle Bermudianer Stimmrecht haben. Noch tun sich viele Weiße schwer mit der Einsicht in die neue, nachkoloniale Wirklichkeit. Mit dem „Ruf nach nationaler Unabhängigkeit“, den Flugblätter proklamieren, haben diese Differenzen jedoch wenig zu tun. Das Mutterland hat die Unabhängigkeit angeboten, die Offerte findet aber wenig Anklang – auch bei den farbigen Bürgern. Selbst die Opposition scheint diese Forderung nur halben Herzens zu verfolgen. Die überwiegend mit farbigen Ministern besetzte Regierung hat vor einem knappen Jahr eine Studie zur Unabhängigkeitsfrage vorgelegt. Sie kam zu dem Schluß, eine Lösung von Großbritannien bringe kaum Vorteile, aber hohe Kosten. Vor allem die Säulen des Insel Wohlstands, den Fremdenverkehr und die Konzerndependancen im steuerfreien Archipel, sehen die Minister gefährdet.

Die Spannungen in dem südatlantischen Mikrokosmos sind noch nicht behoben sie durch Kompromisse zu vermindern, erscheint aussichtsreich. Touristen jedoch bekommen von diesen Divergenzen nichts mit.