ZDF Donnerstag, 8. Juni, 22.20 Uhr: „Neapolitanische Geschwister – Regno di Napoli“, Film von Werner Schroeter

Werner Schroeters Film „Regno di Napoli“ oder „Neapolitanische Geschwister“, wie er in der deutschen Version heißt, löste auf den Filmfestspielen von Cannes, wo er auf dem Parallel-Festival Quinzaine des Realisateurs uraufgeführt wurde, zunächst einmal Überraschung und Irritation aus. Italiener meinten, das Neapel-Bild, das hier entworfen werde, stimme nicht mit der Wirklichkeit überein; Schroeter-Anhänger wiederum hatten Mühe, das vertraute Universum des Regisseurs aus künstlichen Figuren und stilisierten Gesten in diesem ganz andersartigen Film wiederzuerkennen. In der Tat bedeutet „Regno di Napoli“ für Schroeter eine Art Neubeginn, eine Zurückorientierung auf die Realität. Aber gerade dadurch ist ihm einer seiner besten Filme gelungen, in dem spezifisch Schroeter’sche Stilelemente – der Hang zum Exaltierten, zur pathetischen Gebärde, zur musikalischen Form – auf faszinierende Weise mit der Beschreibung einer Wirklichkeit zusammenfließen.

Werner Schroeter erzählt in „16 charakteristischen Sequenzen“ die Geschichte einer neapolitanischen Familie, insbesondere zweier Geschwister, in der Zeit von 1944 bis 1976, wobei die privaten Geschehnisse vor einem Horizont kollektiver Vorgänge erscheinen. Dieser Horizont wird evoziert durch regelmäßige Einblendungen von dokumentarischem Bildmaterial und einer Sprecherstimme, die in distanziertem Tonfall einige Zeitereignisse beschreibt. Als Vorbild für diese Erzählstruktur kann man Rossellinis neorealistischen Klassiker „Paisá“ (1948) erkennen; die Verwandschaft zwischen den beiden Filmen geht bis in Einzelheiten, etwa in der Szene, wo bei Schroeter ein junges italienisches Mädchen einem amerikanischen GI begegnet und die beiden sich nur schwer verständigen können.

Die „Zeitereignisse“ holt Schroeter sich aus einem besonderen Fundus pittoresker Begebenheiten. Etwa berichtet er vom Transport einer Michelangelo-Statue in die, USA, vom Besuch Kennedys oder zeigt Plakate vor, die mit naiver Kunst oder Kitsch zu tun haben. Daneben spricht aus dem Film, überraschend bei Schroeter, auch ein Interesse für Politik. Seine beiden Protagonisten läßt er entgegengesetzte Lebenswege durchmachen: während der Bruder Massimo schon als Junge zur kommunistischen Partei findet, die freilich, wie sich später zeigt, kaum in der Lage ist, seine Lebensprobleme zu lösen, sondern ihn mit Versprechungen abspeist, tendiert die Schwester Vittoria mehr zu konservativen Werten und hängt gegen den Protest ihres Bruders einen Kennedy-Wandteppich in der gemeinsamen Wohnung auf. Diese beiden Hauptlinien ergeben das doppelte dramaturgische Rückgrat des Films, wobei zu fragen bleibt, warum ausgerechnet das Mädchen die rückschrittlichere Einstellung verkörpern muß. Freilich sind für Schroeter die Ideologien nicht viel mehr als volkstümliche Ikonen, die ihn faszinieren, mit denen er sich aber nicht identifiziert.

Im Hintergrund des Geschehens – und das macht den besonderen Reichtum des Films aus – tauchen zahlreiche profilierte Randfiguren auf: der strenge, anarchistisch gesinnte Vater; eine Nonne, die kleinen Kindern beibringt, daß „auch die Armen sich sauberhalten müssen“; ein Schuhmacher, der sich über seinen Leisten bückt; ein aufgedunsenes Muttersöhnchen, Mitglied der christlichen Demokraten; eine Prostituierte, die hinter einem barocken roten Vorhang ihres Amtes waltet.

Die Realität erscheint bei Schroeter oft in grotesker Zuspitzung, in allegorischer oder poetischer Ausschmückung. Insofern steht auch dieser Film in der Tradition früherer Filme des Regisseurs; auf der anderen Seite spricht aus „Regno di Napoli“ die Liebe zu den unmittelbaren Aspekten neapolitanischer Realität: für reale Dekors, für den Gestus des Alltags, für den Dialekt, für den Ausdruckswert von Gesichtern „aus dem Volk“. Der Film läuft in italienischer Sprache mit deutschen Untertiteln. Ulrich Gregor