Es geht einem mit der Einsiedelei wie mit dem Christentum, dem Kommunismus, der Chiropraktik: Die Idee ist gut, die Christen, die Kommunisten, die Chiropraktiker sind nichts wert.“ Das sagt einer, der sich selber als Einsiedler bezeichnet, aber als Verräter der Gilde disqualifizierte, indem er die erste Eremitologie schrieb –

Hans Heinz Hahnl: „Die Einsiedler des Anninger“, Roman; Europaverlag, Wien/München, 1978; 226 S., 29,80 DM.

Hier tut sich eine neue Welt auf. Man weiß zwar von frommen Eremiten, aber die religiöse Einsiedelei wird vom Autor als Irrweg bekämpft. Auch die politische lehnt er ab sowie pathologische Einsiedler, deren Defekte sie in die Isolation zwangen. Richtig sei vielmehr Separierung aus freiem, gänzlich privatem Entschluß.

Die hintere Umschlagkappe zeigt ein reifes, haarig umwachsenes sympathisches Gesicht und ordnet es einem 1923 geborenen Wiener Theaterkritiker zu, Vize des österreichischen Schriftstellerverbandes und Vorstandsmitglied des PEN. Zugleich dürfte es sich um Steiner handeln, einen Großstadteremiten und Reformsiedler, der „eingeschlossen in einer Glocke von Lärm und Abgasen“ einsamere Einsamkeit erreichte als die Vorgänger auf dem Anninger, den es im südwestlichen Wienerwald wirklich gibt. Bisher habe Hahnl-Steiner siebzehn Anninger-Anachoreten identifiziert, davon sieben erforscht.

Gewiß gehört es zu den Stigmata der Zeit, daß gerade in Großstädten immer mehr Mehrsiedler zu Einsiedlern werden, denn sie sind einsam, wenn auch nicht alleine. „Der wahre Einsiedler weiß gar nicht, daß er einer ist, denn es geht ihm nichts ab.“ Es ist schwer, die echten von den Pseudo-Kompromiß und Reklame-Einsiedlern zu unterscheiden, und der Autor hat große Mühe, die „falschen, gefälschten, bösartigen Einsiedlervorstellungen“ zu beseitigen.

Das Thema ist voll ungeahnter Bezüge: zu Schürzenbändern, Biedermeier-Erotik, Muttersöhnchenmüttern; der Autor wirft Fragen auf, die so neu sind wie die Zeitung von morgen: „Was hilft die Einheitsschule einem Kind mit vorpubertärer Satyriasis?“ Und wenn man denkt, jetzt hat er im Unterholz des Anninger endgültig den Faden verloren, herrscht er einen an: „Ich schweife mitnichten ab!“

Hier hat einer eine neue Wissenschaft gegründet, die Einsiedlerkunde, Geheimtip. für Individualisten, wirksame Hilfe gegen Konsumfetischismus und Kommunikations-Hysterie. Ich rate darum von diesem Buch ab. Freiwillig werde ich es mit niemandem teilen.