Um ihr Geld anzulegen, müssen die Genossenschaftsbanken ins Ausland gehen

Die Deutschen sind ein Volk von Genossen. Jeder Dritte zählt zu ihnen und man findet sie selbst noch im letzten Dorf: die 8,3 Millionen Mitglieder der Kreditgenossenschaft des Volks- und Raiffeisenbanksystems.

Die Selbsthilfeorganisation des Mittelstandes, in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts einerseits landwirtschaftlich (Raiffeisenbanken) und andererseits gewerblich (Volksbanken) orientiert befreit sich immer stärker Vom „Kleine-Leute-Geruch“ und verbreitet in ihren Reihen neuerdings den Duft der großen weiten Welt.

Die Wandlung ist zwangsläufig. Längst zählen nicht nur die 8,3 Millionen Genossen zu den Kunden, sondern weitere sechs Millionen Beamte, Handwerker, Hausfrauen, Freiberufler und Unternehmen. Sie füllen die Kassen der 4800 Kreditgenossenschaften, die jetzt 19 400 Bankstellen haben, ohne auch nur annähernd im gleichen Ausmaß Finanzierungswünsche zu haben. Die einzelnen Banken sind deshalb gezwungen, ihre Liquidität (allein die Spareinlagen stiegen 1977 um 28,5 Prozent auf 122 Milliarden) an die zehn regionalen Zentralbanken oder an die „Bundeszentralbank“ der Organisation, die Deutsche Genossenschaftsbank (DG-Bank) in Frankfurt, weiterzureichen.

Die Spitze des Systems, einst hauptsächlich als Liquiditätsausgleichsstelle gedacht, muß daher allein wegen der Geldanlage international denken. Sie muß es aber auch, um als zentrale Geschäftsbank den angeschlossenen Kreditgenossenschaften den Service zu bieten, den die Bevölkerung von den international tätigen Großbanken kennt; denn der Mittelstand, der traditionell noch immer der Hauptkundenstamm ist und den Großteil der Genossen stellt, ist selbst inzwischen international verwoben. Landwirte und Molkereien exportieren genauso wie mittelständische Maschinenhersteller und selbst kleine Einzelhändler sind durch ihre Einkaufsgenossenschaften weltweit als Importeure tätig.

So geriet die DG-Bank in den letzten Jahren in die gleiche Rolle, wie vor einigen Jahren die Landesbanken als Zentralbanken der Sparkassenorganisation Sie mußte als Sammelstelle von Liquidität, die nicht über die angeschlossenen Bankstellen als Kredit bei den Kunden unterzubringen war, außerhalb der Organisation Anlagen suchen. Sie mußte gleichzeitig für die Kunden, die von Jahr zu Jahr höhere Einkommen hatten, immer neue Anlagemöglichkeiten bieten. Und sie mußte bei der zunehmenden internationalen Verflechtung neue Dienstleistungen übernehmen, die vor wenigen Jahren noch völlig unvorstellbar waren.

„Eigentlich gibt es“, so resümiert das von der Dresdner Bank geholte und für dieses neue Geschäft zuständige Vorstandsmitglied Günther Schmidt-Weyland, „erst seit knapp vier Jahren ein Auslandsgeschäft. Bei seinem Aufbau bleiben wir vorsichtig, gehen nur selektiv vor, um nicht größere Enttäuschungen zu erleben.“